Sexueller Missbrauch:Der Mann, der den Papst nach Kanada brachte

Lesezeit: 2 min

Sexueller Missbrauch: Als er 45 war, machte er erstmals auf die Verbrechen aufmerksam. Nun ist Phil Fontaine 77 Jahre alt.

Als er 45 war, machte er erstmals auf die Verbrechen aufmerksam. Nun ist Phil Fontaine 77 Jahre alt.

(Foto: VINCENZO PINTO/AFP)

Phil Fontaine vom Volk der Ojibwe kämpft seit 32 Jahren dafür, dass sich die Katholische Kirche zu ihren Verbrechen an Kindern aus den First Nations bekennt.

Von Christian Zaschke

Dass Papst Franziskus derzeit durch Kanada reist und für die Vergehen der katholischen Kirche an der indigenen Bevölkerung um Vergebung bittet, hängt unmittelbar damit zusammen, dass vor 32 Jahren ein Mann all seinen Mut zusammennahm und das Wort ergriff. Phil Fontaine vom Volk der Ojibwe trat im kanadischen Fernsehen auf und erzählte vom Missbrauch, den er in seiner Kindheit auf einem katholischen Internat erlitten hatte. Er sparte nicht an Details, und so unglaublich es klingen mag: Erst mit diesem Auftritt Fontaines wurde das Thema einer breiten Öffentlichkeit in Kanada bewusst.

Beginnend im späteren 19. Jahrhundert hatten die kanadischen Behörden gut 100 Jahre lang die Kinder von indigenen Familien in Internate verfrachtet, um sie dort umzuerziehen, zu christlichen Kanadiern. 150 000 Kinder durchliefen das System. Die Nutzung der Muttersprache war verboten, was teils gewaltsam durchgesetzt wurde. Die Opfer berichten von sexuellem Missbrauch, von psychischem Terror. 130 dieser sogenannten Residential Schools gab es im Land, zwei Drittel wurden von der katholischen Kirche betrieben. Tausende Kinder starben in den Internaten, an Krankheiten wie Tuberkulose oder der Spanischen Grippe, an Unterernährung, an Unfällen. Viele von ihnen wurden in anonymen Massengräbern bestattet.

Der heute 77 Jahre alte Fontaine wurde in den 1950er-Jahren zum Besuch zweier Residential Schools gezwungen. Später hat er sein Leben dem Kampf für die Anerkennung des Unrechts gewidmet, das so vielen Mitgliedern der First Nations widerfahren ist.

"Wir hatten nicht erwartet, so erfolgreich zu sein"

Bei seinem Auftritt im Fernsehen vor drei Jahrzehnten berichtete er nicht nur, was ihm und so vielen anderen angetan worden war, er stellte auch eine Reihe von Forderungen. Er wollte, dass die Archive der Schulen für Forscherinnen und Forscher geöffnet wurden, damit wissenschaftlich untersucht werden konnte, was genau geschehen war. Er wollte, dass es eine öffentliche Untersuchung dieses dunkelsten Kapitels der kanadischen Geschichte gab. Und er wollte eine Entschuldigung von ganz oben. Zumindest Letzteres hat er nun erreicht. Im kanadischen Fernsehen sagte er: "Das spricht für die Beharrlichkeit und Widerstandskraft unserer Gemeinschaft. Wir hatten nicht erwartet, so erfolgreich zu sein." Nur an die meisten Akten der katholischen Schulen kommt man weiterhin nicht ran, sie bleiben in Rom unter Verschluss.

Die Bitte des Papstes um Vergebung mag das weithin sichtbarste Ergebnis von Fontaines Bemühungen sein; wichtiger noch ist aber wohl, dass die kanadische Regierung 2008 eine nationale Kommission für Wahrheit und Versöhnung einsetzte. Sechs Jahre lang befragte die National Truth and Reconciliation Commission 6000 Zeugen und arbeitete sich durch Berge von Akten. In ihrem Abschlussbericht kam sie 2015 zu dem Schluss, es habe sich um ein System des "kulturellen Völkermordes" gehandelt. Ausdrücklich hob die Kommission die Rolle Fontaines hervor, der mit seinem Fernsehauftritt im Jahr 1990 den Stein erst ins Rollen gebracht habe.

Bereits 1973 wurde Fontaine, noch keine 30 Jahre alt, für vier Jahre zum Oberhaupt der Sagkeeng Nation gewählt. Anschließend studierte er Politikwissenschaften und nahm mehrere leitende Posten in indigenen Organisationen ein. 1997 wurde er erstmals für drei Jahre zum National Chief der Versammlung der First Nations gewählt, also zum obersten Vertreter sämtlicher indigener Völker Kanadas. Von 2003 bis 2009 hatte er den Posten erneut inne.

Franziskus ist nicht der erste Papst, den Fontaine getroffen hat. Im Jahr 2009 sprach er mit Benedikt XVI. über eine mögliche Entschuldigung. Dazu konnte sich der deutsche Papst jedoch nicht durchringen. Im März dieses Jahres reiste Fontaine erneut nach Rom, um sein Anliegen vorzubringen. Wie der Gegenbesuch von Franziskus in Kanada zeigt, war Phil Fontaine bei dieser Mission schließlich erfolgreich.

Zur SZ-Startseite

Katholische Kirche
:Wenn Buße nicht genügt

Der Papst kommt als Büßer nach Kanada. Dort wurden indigene Kinder jahrzehntelang in katholischen Internaten misshandelt. Franziskus bat um Vergebung. Aber die Indigenen verlangen noch mehr.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB