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Katholische Kirche:Es geht nicht nur um Woelki

Träte der Kölner Kardinal zurück, wäre das eine Zäsur bei der Aufbereitung des Missbrauchs. Tatsächlich aber liegt der Fehler im System der katholischen Kirche - und nicht bloß bei Einzelnen.

Von Annette Zoch

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat sich selbst eine Frist gesetzt: knapp sechs Wochen, bis zum 18. März. Dann wird das neue Gutachten des Strafrechtlers Björn Gercke zu sexualisierter Gewalt und dem Umgang von Verantwortungsträgern mit Missbrauchstätern im Erzbistum Köln vorgestellt. Sollte ihn das Gutachten belasten, schließe er einen Rücktritt nicht aus, sagte er am Wochenende.

Angenommen, Woelki bleibt in dem neuen Gutachten unbelastet: Kann er im Amt bleiben? Das Verhältnis der Kölner Katholiken zu ihrem Erzbischof ist zerrüttet, der Diözesanrat hat die Zusammenarbeit zu Bistumsreformen aufgekündigt, die Gläubigen treten massenhaft aus der Kirche aus. Das Gutachten wird, egal wie es ausfällt, diesen tiefen Riss nicht einfach wieder kitten.

Träte der Erzbischof zurück, wäre das ein starkes Zeichen. Woelki hat beim Umgang mit dem ersten Missbrauchsgutachten ohne Zweifel Schuld auf sich geladen - vor allem, indem er Betroffene für seine Entscheidung, das Gutachten unter Verschluss zu halten, in Mithaftung genommen und so erneut traumatisiert hat. Das hat er mittlerweile selbst eingesehen. Das alleine wäre ein Grund für seinen Rückzug.

Und dann ist da noch der Vertuschungsvorwurf gegen Woelki selbst: Ein Priester, der mit Woelki gut bekannt war, soll sich an Kindergartenkindern vergangen haben. Inzwischen ist der Priester längst tot. Als aber Woelki Erzbischof wurde und von dessen Taten erfahren haben soll, war der Beschuldigte hochbetagt und schwer dement. Woelki soll, so der Vorwurf, deshalb auf eine Meldung nach Rom, wie sie Pflicht wäre, verzichtet haben.

Dieser Fall liegt derzeit noch zur Prüfung im Vatikan. Die Glaubenskongregation soll einem Bericht zufolge jedoch bereits zu dem Ergebnis gekommen sein, dass Woelki kirchenrechtlich korrekt gehandelt habe. Offiziell gibt es noch keine Nachricht aus Rom, eine endgültige Antwort von Papst Franziskus steht noch aus.

Die Frage ist: Würde der Rücktritt eines Erzbischofs wirklich etwas ändern? In vielen Bistümern gibt es noch nicht mal Untersuchungen, über die man streiten könnte. In Köln und anderswo ist vielleicht sogar manch ehemaliger Personalchef oder Generalvikar insgeheim ganz froh, dass im Moment nur über Woelki diskutiert wird. Tatsächlich jedoch liegt der Fehler im System. Missbrauch und Vertuschung wurden und werden vor allem durch absolute und unkontrollierte Macht möglich.

Beim "Synodalen Weg", der katholischen Reformdebatte, wird deshalb auch über mehr Gewaltenteilung diskutiert. Einige Synodale schlagen sogar vor, Bischöfe vom Kirchenvolk wählen zu lassen. Einer der drei Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz, Kai Christian Moritz, hat dafür geworben, eine kirchliche Verwaltungsgerichtsbarkeit zu schaffen. Damit könnten sich Katholiken bei Übergriffen an unabhängige Richter wenden. Allein: Dieser Vorschlag ist nicht neu, sondern gammelt seit 1975 in Rom in der Schublade herum.

Und genau das ist das Problem: Ohne den Vatikan wird nichts gehen. Weder beim Synodalen Weg, noch sonstwo. Hier liegt die Gefahr, die dem Reformprozess innewohnt. Gerade die engagierten Katholiken setzen große Hoffnungen in den Synodalen Weg. Vielleicht zu große. Wenn sich die Synodalen am Ende an den römischen Mauern die Zähne ausbeißen, könnten sich noch mehr Gläubige von der Kirche abwenden.

© SZ/usc
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