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Corona:Das Gute in uns

Corona in Deutschland: Ein Junge steht vor einem Graffiti in Hamm

Ein Graffiti des Künstlers Kai 'Uzey' Wohlgemuth schmückt eine Wand in Hamm.

(Foto: INA FASSBENDER/AFP)

Die Pandemie hinterlässt bei allen tiefe Spuren, der Kampf gegen das Virus zehrt bei Regierenden wie Regierten an den Nerven. Wird alles nur noch schlimmer? Zeit, das bisher Geleistete positiv zu würdigen.

Kommentar von Stefan Braun

Gestritten haben sich die Kanzlerin und die Länderchefs schon oft. Zusammengerauft haben sie sich auch immer wieder. Und doch ist Angela Merkels Schalte mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten am Dienstagabend ein Novum gewesen. Bisher herrschte hinterher stets das Gefühl vor, dass der Kampf gegen die Pandemie zwar kompliziert ist, dass man deshalb immer ein bisschen streitend nach dem richtigen Weg sucht, aber die Politik der Herausforderung standhält. Dieses Mal ergab sich nach mehr als sieben Stunden ein anderer Eindruck: Ja, wir raufen uns noch mal zusammen; selbstverständlich, wir dürfen am Ende nicht auseinanderbrechen. In Wahrheit aber sind alle erschöpft und zermürbt - und hoffen nur, dass der Mist bald vorbei ist. So viel Frust, so viele Misstöne, auch so viel Auseinanderdriften hat es in diesem Gremium seit Ausbruch der Pandemie kaum gegeben.

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Überraschen allerdings sollte das niemanden. Nichts daran ist einfach mal schwach, blöd oder gar unverständlich. Das Virus und seine Mutationen, dazu die Suche nach Lösungen, die nicht in radikalen Antworten enden, sondern als Kompromiss entwickelt werden - das war, ist und bleibt mühsam. Da haben es autoritäre Staaten natürlich leichter, was gleichwohl keine Alternative ist. Wer zur Demokratie steht und möchte, dass in den wichtigsten Fragen abgewogen und zwischen verschiedenen Ideen, Wünschen, Sehnsüchten ausgeglichen wird, der weiß, dass alles, was man zurzeit zwischen Bund und Ländern erleben kann, eine akzeptable Konsequenz des Lebens in dieser Demokratie ist.

Je existenzieller die Pandemie wird, je schärfer wird der Ton

Hinzu kommt, dass jede und jeder das in diesen Monaten nicht nur an der Politik studieren kann, sondern damit im eigenen Leben kämpfen muss. Je anstrengender und existenzieller diese Pandemie wird, desto schärfer wird manche Debatte, desto größer manche Sorge, desto verletzender manche Auseinandersetzung. Sei es in der Familie, zwischen Kollegen oder auch unter Freunden.

Das allerdings heißt nicht, dass alles immer einfach so weitergehen muss. Nach dem Motto: Jeder klagt und kämpft auf seiner Baustelle. Vielmehr wäre es wichtig, wenn man sich und allen anderen immer wieder bewusst macht, was da gerade alle leisten. Nein, viele hätten es bis zum Ausbruch dieser Krise nicht für möglich gehalten, derartige Einschränkungen - natürlich nur in einem solchen, zeitlich befristeten Ausnahmefall - auszuhalten. Und nein, viele hätten auch nicht gedacht, wie wichtig auch kleine Zeichen der Freiheit und des Austausches werden, wenn sie nicht möglich sind.

Was für ein Vertrauensbeweis für demokratisch gewählte Regierungen

Begegnungen, Umarmungen, Nähe, auch wieder Reisen - so sehr das alles fehlt, so wichtig wird es hoffentlich danach sein. Das ist kein verkapptes Lob auf die Pandemie, es ist allein die Hoffnung, dass vieles vom Guten tiefer ins Bewusstsein rückt, was vorher als selbstverständlich galt und manchmal so gar nicht mehr wertgeschätzt wurde.

Dazu freilich würde auch gehören, dass die Politik nicht immer nur mahnt, warnt und noch Schlimmeres fürchtet. Die Kanzlerin und die Länderchefs müssten viel häufiger kenntlich machen, was es bedeutet, dass immer noch zwischen 70 und 85 Prozent der Bevölkerung den Kurs mittragen. Das ist ein großartiges Ergebnis. Mehr Würdigung dessen wäre bitter nötig. Einen größeren Vertrauensbeweis können sich demokratisch gewählte Regierungen gar nicht wünschen. Die Pandemie hat sich wie eine Betonplatte auf alles gelegt. Und doch hat sie bei einer übergroßen Mehrheit der Menschen nicht das Schlechte, sondern ziemlich viel Gutes hervorgebracht.

© SZ
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