Bundespräsidentenwahl:Plump wie die CDU

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Pressekonferenz über Coronamaßnahmen in Nordrhein-Westfalen

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU).

(Foto: David Young/dpa)

Die Partei sehnt sich urplötzlich nach einer Frau an der Staatsspitze - ein ziemlich durchsichtiges Begehren.

Kommentar von Robert Roßmann

Die Zeit sei "reif für eine Frau im Schloss Bellevue", sagt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst. Eine Bundespräsidentin könnte gerade in der jetzigen Zeit, in der gesellschaftlicher Zusammenhalt "zur vordersten Staatsräson wird", wichtige neue Impulse geben.

Das ist eine erstaunliche Erkenntnis. Denn Wüst insinuiert damit ja, dass Frauen die Gesellschaft besser zusammenhalten können als Männer. Und wenn dem so wäre, muss Wüst sich fragen lassen, warum sich gerade ausschließlich Männer um den Vorsitz seiner CDU bewerben. Warum es keine einzige CDU-Ministerpräsidentin gibt. Warum fast 90 Prozent der CDU-Kreisvorsitzenden Männer sind. Liegt der Partei nichts am gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Ja, es ist kein Glanzlicht der bundesdeutschen Geschichte, dass es noch nie eine Bundespräsidentin gegeben hat. Dass die Sozialdemokraten bei der im Februar anstehenden Wahl Frank-Walter Steinmeier im Amt bestätigen wollen, kann man kritisieren. Aber wenn sich jetzt ausgerechnet die CDU - Wüst sind mehrere Christdemokraten beigesprungen - zur Vorkämpferin für eine Frau an der Spitze des Staates macht, ist das nicht glaubwürdig. Offenkundig geht es der Partei lediglich darum, einen Keil in das neue Ampel-Bündnis zu treiben. Viele Grüne hatten ja auf eine Bundespräsidentin gehofft.

Die Union stellt die größte Gruppe in der Bundesversammlung. Es ist ihr gutes Recht, mit einer eigenen Kandidatin ins Rennen zu gehen. Die Christdemokraten können aber nur dann etwas bewegen, wenn sie einen der drei Ampel-Partner auf ihre Seite bringen - denn die verfügen in der Bundesversammlung über die Mehrheit. Deshalb, und nur deshalb, spielt die CDU die Frauenkarte, obwohl sie beim letzten Mal selbst für Steinmeier gestimmt hat. Das ist nicht verboten, aber ein derart plumpes Manöver, dass es die Reihen der Ampel jetzt eher geschlossen als aufgebrochen hat.

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