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Profil:Katerina Andrejewa

(Foto: AP)

Zu zwei Jahren Straflager verurteilte Belarussin. Ihr Delikt: Journalismus.

Von Silke Bigalke

Es ist der 99. Protesttag in Belarus, Mitte November. Katerina Andrejewa ist mit ihrer Kamerafrau Darja Tschulzowa in den 14. Stock eines Wohnhauses gestiegen. Von dort haben sie einen guten Blick auf den "Platz des Wandels", so nennen die Anwohner diesen Hof zwischen Wohnhäusern in Minsk. Ein Lüftungshäuschen steht dort mit regimekritischen Graffiti, weiß-rot-weiße Bänder flattern an einem Absperrzaun. Die früheren Nationalfarben sind zum Zeichen des Protests gegen Machthaber Alexander Lukaschenko geworden.

An jenem Tag wird auf dem Platz demonstriert, Andrejewa möchte berichten. Maskierte Männer hatten einige Tage zuvor die weiß-rot-weißen Bänder vom Zaun reißen wollen. Einen jungen Mann, der sich ihnen entgegenstellte, verprügelten sie so heftig, dass er am nächsten Tag im Krankenhaus starb. Die Menschen bringen Blumen für den Toten. Die Polizei bringt Knüppel, Wasserwerfer und Rauchbomben auf den Platz. Sie löst den Protest gewaltsam auf. Kamerafrau Darja Tschulzowa filmt das aus dem 14. Stock, Reporterin Katerina Andrejewa kommentiert live.

Die Vorwürfe sind konstruiert, was sonst

Nach dem Protest bricht die Polizei die Wohnungstür auf, nimmt die beiden fest, stößt sie die Treppe runter, berichtete Andrejewa später in einem Brief. Der polnische Sender Belsat TV, für den sie arbeitet, zitiert daraus. Man werde sie sieben Jahre einsperren, sie dürften nur noch Polizeiuniformen nähen und nie wieder live berichten, schrien die Polizisten die Frauen an. Tatsächlich müssen die Journalistinnen nun zwei Jahre ins Straflager, das Urteil erging am Donnerstag. Angeblich haben sie den Protest koordiniert und Menschen zur Teilnahme verleitet. Das sei schon deswegen absurd, weil niemand auf dem Platz ihren Live-Bericht sehen konnte. Die Behörden hatten das mobile Internet blockiert, sagte einer der Verteidiger vor Gericht. Überhaupt: Die Behörden dürften Journalisten nicht daran hindern, von Protesten zu berichten.

Eine kurze Videosequenz aus dem Gerichtssaal zeigt die Frauen im Angeklagten-Käfig. Victory-Zeichen für die Kamera, sie umarmen einander, lächeln tapfer. Vor dem Urteil schrieb Darja Tschulzowa, 23, ihrer Mutter, dass sie ihre Berufswahl nicht bereue. Katerina Andrejewa, 27, sagte vor Gericht, "Ich bin jung, ich arbeite in meinem Lieblingsberuf und - das ist das Wichtigste - mein Gewissen ist rein." Belsat TV nannte das Urteil ein Verbrechen, es verstoße gegen belarussisches und gegen internationales Recht. Belsat wird von der polnischen Regierung unterstützt, richtet sich aber an ein belarussisches Publikum.

Ihr Großvater ist stolz auf sie

Katerina Andrejewa ist dort seit 2017 Korrespondentin, zuvor hat sie für Zeitungen geschrieben. Studiert hat sie Spanisch und zwei Jahre in Spanien gelebt. Zurück in Minsk lernte sie 2015 ihren Mann während eines Protests gegen Lukaschenko kennen, auch er ist Journalist. Ihren Nachnamen trägt Katerina Andrejewa zu Ehren ihres Vaters Andrej, eigentlich heißt sie Bachwalowa, erzählte ihr Großvater kürzlich in einem Interview. Die Eltern sind Philologen, Großvater Sergej Waganow hat als Journalist und Dichter gearbeitet. Er ist stolz auf seine Enkelin: "Katja ist ein Mensch mit Charakter." Von einer Ausreise ins sichere Ausland wolle sie nichts wissen.

In ihrem Schlusswort vor Gericht sagte seine Enkelin, sie sei schon vielen Gummikugeln ausgewichen. "Meine Kollegen hatten viel weniger Glück. Sie wurden getreten, ihre Nasen gebrochen, es wurde auf sie geschossen." Der belarussische Journalistenverband zählte vergangenes Jahr 480 Festnahmen, 62 Fälle von Gewalt gegen Journalisten. In keinem einzigen Fall gibt es Ermittlungen gegen die Täter.

An jenem Novembertag, als Katerina Andrejewa schon festgenommen war, räumte die Polizei abends alle Blumen für den Toten weg. Die Journalistin konnte davon nicht mehr berichten. Aber Anwohner haben Handyvideos ins Netz gestellt.

© SZ
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