Abitur:Mehr lernen aus der Pandemie

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Abitur: An die Stifte, fertig, los: Wie hier in Rostock haben in vielen Bundesländern die Abiturprüfungen begonnen.

An die Stifte, fertig, los: Wie hier in Rostock haben in vielen Bundesländern die Abiturprüfungen begonnen.

(Foto: Bernd Wüstneck/dpa)

Trotz Unterrichtsausfalls hat sich der Notendurchschnitt der Corona-Jahrgänge verbessert. Das liegt auch an den Kultusministerien - die nun eine Konsequenz ziehen sollten.

Kommentar von Paul Munzinger

In den meisten Bundesländern stehen seit dieser Woche die schriftlichen Abiturprüfungen an. In Bayern beginnt es mit Deutsch am Mittwoch, Mathe dräut dann am 3. Mai. Es ist bereits das dritte Corona-Abitur. Die Abiturientinnen und Abiturienten des Jahres 2022 haben ihre gesamte Oberstufe unter Pandemie-Bedingungen erlebt, in einem Ausnahmezustand also, der langsam zur Routine wird und dennoch ein Ausnahmezustand bleibt. Und genau wie seine beiden Vorgänger stellt dieser Jahrgang deshalb die Gerechtigkeitsfrage: Ist das fair, ein Abitur unter diesen Bedingungen? Ist das zumutbar, ein Abitur in diesen Zeiten?

Wenn die Abiturienten von heute sich benachteiligt fühlen gegenüber den Abiturienten der Vor-Corona-Zeit, dann haben sie natürlich recht. Die Pandemie hat sie benachteiligt, ob es um die beschränkten Möglichkeiten ihrer Schulzeit oder um die beschränkte Freiheit ihrer Jugend ganz allgemein geht. Aber mit Blick auf die Noten sind sie es nicht. An ihrem Durchschnitt gemessen haben die Abiturjahrgänge 2020 und 2021 alle ihre Vorgänger übertroffen. Sie sind, um eines der beliebtesten Abi-Mottos der vergangenen zwei Jahre zu zitieren: mit Abstand die besten. In Bayern zum Beispiel lag der Schnitt vor zehn Jahren bei 2,35, 2019 dann bei 2,32 und 2021 bei 2,18. Nicht ausgeschlossen, dass der aktuelle Jahrgang das noch einmal unterbietet. Und das trotz Corona? Nein, deswegen.

Die Jahrgänge hatten mehr Zeit zu lernen - auch mangels Freizeitalternativen

Erklären lässt sich dieser Sprung - der den Aufwärtstrend der vergangenen Jahre noch mal beschleunigt hat - durch das Zusammenspiel von mindestens drei Faktoren. Erstens: Die Corona-Jahrgänge hatten mangels Freizeitalternativen einfach mehr Zeit zum Lernen. Zweitens: Die Kultusministerien - in der berechtigten Annahme, dass ihnen niemand einen Notenabsturz unter diesen Umständen verziehen hätte - kamen den Absolventen weit entgegen: Sie strichen in der Oberstufe Klausuren, schoben die Abiturprüfungen nach hinten und gaben den Prüflingen mehr Zeit und mehr Aufgaben zur Auswahl. Womöglich kamen sie ihnen sogar etwas weiter entgegen als nötig. Denn die Abschlussklassen durften - drittens - nach Schulschließungen zumeist als Erste zurück in die Klassenzimmer. Und verpassten so weniger Unterricht als manche Siebtklässler oder Grundschüler.

Anstatt nun aber ausgerechnet auf dem Rücken der Corona-Jahrgänge die leidige Diskussion über "Noteninflation" und "Akademisierungswahn" neu zu entfachen, sollte man sich lieber die Botschaft der verblüffend guten Corona-Noten genauer ansehen. Sie lautet: Schüler, die unterwegs weniger Klausuren haben, haben am Ende mehr Zeit, um auf ihre Abi-Prüfungen zu lernen. Und Schülerinnen, die mehr Zeit zum Lernen haben, schreiben bessere Noten, weil sie den Stoff nicht nur inhalieren, sondern im Idealfall verstehen. Und darum geht es doch, oder?

Noten und Prüfungen sind keine schöne und schon gar keine perfekte Einrichtung. Aber sie sind notwendig, solange niemand ein besseres System erfindet. Das gilt auch und gerade für das Abitur, das Absolventen Druck und Stress verschafft, aber eben auch eine Möglichkeit, sich durch Einsatz selbst zu belohnen - zum Beispiel mit einem Studienplatz ihrer Wahl. Das Abitur auch in der Pandemie durchzuziehen, ist deshalb richtig - solange die Politik die Nachteile ausgleicht.

Die Pandemie hat gezeigt: Das Korsett aus Prüfungen und Noten ist zu eng

Doch Corona hat auch deutlich gemacht, dass Noten und Prüfungen in der Schule eine zu große Rolle spielen. Schüler werden buchstäblich über-bewertet. Lehrer mussten in den vergangenen zwei Jahren erleben, dass es nicht der Lehrplan ist, der sie einschnürt und ihnen die Freiheit nimmt, auf die Herausforderungen der Pandemie flexibel zu reagieren. Sondern das enge Korsett von Prüfungen und Noten. Und Schüler und ihre Eltern mussten die Erfahrung machen, dass an der Schule fast alle Systeme ausfallen können - doch die Leistungsnachweiserhebungsmaschine braucht immer neues Futter. Die Notensammelwut einer strengen Prüfung zu unterziehen, ist ein Auftrag der Pandemie an die Kultusministerien. Und das Abitur zeigt: Das muss nicht auf Kosten des Anspruchs gehen.

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