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Zeitungskrise:Gruner + Jahr verabschiedet sich von der FTD

Der Aufsichtsrat von Gruner + Jahr hat über das Schicksal der defizitären "Financial Times Deutschland" beraten - die Wirtschaftszeitung wird nicht mehr erscheinen. Einem Medienbericht zufolge soll die letzte Ausgabe am 7. Dezember veröffentlicht werden. Nach Angaben des Konzernsprechers wird aber noch sondiert, ob sich ein Käufer finden könnte.

'FTD' steht nach eigenen Angaben 'vor der Einstellung'

Eine zerknüllte Ausgabe der Financial Times Deutschland (FTD): Die Hamburger Wirtschaftszeitung steht nach eigenen Angaben vor dem Ende. 

(Foto: dapd)

Die entscheidenden Stunden begannen an diesem Mittwoch um die Mittagszeit, als in Hamburg der Aufsichtsrat des Verlagshauses Gruner + Jahr zusammentrat. Unter der Leitung von Thomas Rabe, dem agilen Vorstandsvorsitzenden des Mehrheitseigners Bertelsmann, ging es um die Zukunft von 330 Mitarbeitern der Wirtschaftsmedien: Der Verlagsvorstand war schon mit dem Willen in die Sitzung gegangen, die defizitäre Financial Times Deutschland (FTD) einzustellen - und die Magazine Börse Online und Impulse zu verkaufen. Capital dagegen könnte von Berlin aus weitergeführt werden, hieß es. Bis zuletzt soll es Versuche gegeben haben, das scheinbar Unvermeidliche abzuwenden. Es geht um Abschied oder Bekenntnis, es geht um das publizistische Gewicht der Wirtschaftsmedien im Hansestadt-Verlag Gruner + Jahr. Es geht darum, was man sich noch leisten kann. Oder will.

Am Abend war dann klar: Der Aufsichtsrat hat beschlossen, die Wirtschaftszeitung wird nicht mehr erscheinen, ein Sprecher wollte das nicht kommentieren. Die letzte Ausgabe der FTD soll aber am 7. Dezember erscheinen, berichtete die FAZ am späten Abend. Nach Angaben von Konzernsprecher Claus-Peter Schrack wird auch noch sondiert, ob sich ein Käufer für die FTD finden könnte. Zu welchem Termin die Mitarbeiter bei Gruner + Jahr gekündigt werden, ist noch offen, möglicherweise aber nicht mehr in diesem Jahr. Die Abfindungen könnten Gruner + Jahr bis zu 40 Millionen Euro kosten.

Ein jahrelanges Gezerre geht zu Ende

Wahr ist: Mit einer Einstellung der FTD geht ein jahrelanges Gezerre zu Ende - die Geschichte eines Blattes, das als publizistisches Aushängeschild eines Verlags gegründet wurde, der sein Geld mit Titeln wie Brigitte, Stern, Neon und Schöner Wohnen und vor allem im Unterhaltungssegment verdient. Unterhaltsam war die FTD für die Verlagsspitze nie. Seit die lachsfarbene Zeitung im Februar 2000 erstmals erschien, hat das nicht nur im eigenen Haus oft gelobte Wirtschaftsblatt niemals Gewinn abgeworfen. Es war nicht lange nach seiner Gründung schon unternehmerische Verhandlungsmasse.

Der damalige Verlagschef Gerd Schulte-Hillen führte sie in seinem letzten Jahr als G + J-Lenker ein, er hatte Zweifel an dem ehrgeizigen Projekt nie zugelassen. Auch seine Nachfolger Bernd Kundrun und Bernd Buchholz hielten an dem defizitären Blatt fest. Kundrun entließ dennoch im November 2008 viele Leute, als die Gemeinschaftsredaktion Wirtschaftsmedien gegründet wurde. Nachfolger Buchholz machte der Redaktion 2009 klar, dass es ohne wirtschaftliche Perspektive nicht ewig weitergehen würde. Zum Erfolg hat sie keiner der Herren geführt.

Wenig unternehmerisches Geschick

Durchhalte-Parolen

Ein Grund für die Misere ist auch, dass die Geschäfte der FTD mit wenig unternehmerischem Geschick betrieben wurden. Über die Einstellung wurde schon diskutiert, seit Ende 2007 der Joint-Venture-Partner nicht mehr wollte, die britische Pearson-Gruppe (Financial Times). Schließlich übernahm im Januar 2008 Gruner + Jahr nach langem Hin und Her das Blatt vollständig. Angeblich zahlten die Hamburger dem Partner aus London knapp acht Millionen Euro in bar und noch mal das selbe für die Nutzung der Namensrechte über zehn Jahre.

Die schlechten Zahlen der FTD haben stark auf die Erfolgsbilanzen von Kundrun und Buchholz gedrückt - trotzdem wurden immer Durchhalte-Parolen ausgegeben: "Das war ein Wunschkauf, kein Notkauf", behauptete im April 2008 Bernd Kundrun. Und: "Die FTD wird 2009 schwarze Zahlen schreiben. Schon jetzt sind wir hauchdünn unter der Oberfläche, bald tauchen wir auf."

"Unsere schlimmsten Vorstellungen sind übertroffen worden"

Doch aus dem Auftauchen wurde nichts, es wurde schlimmer. Im November 2008 kam dann die Zusammenlegung der vier Redaktionen der Wirtschaftstitel FTD, Capital, Impulse und Börse Online. "Synergien" hieß der Begriff für das, was in Wirklichkeit natürlich eine Sparrunde war. Rund 100 Stellen fielen weg - und die unterschiedlichen Redaktionen von Tageszeitung, Monats- und Anlegermagazin fanden nie wirklich zueinander. "Unsere schlimmsten Vorstellungen sind übertroffen worden", hieß es vor vier Jahren in der Redaktion. Auch danach wurden immer weiter Stellen abgebaut, die Verluste wurde trotzdem nicht geringer. Nach innen wuchsen die Zweifel, der Mutterkonzern Bertelsmann in Gütersloh wurde langsam nervös.

Tatsächlich gab es noch in den vergangenen Tagen zahlreiche Überlegungen und Ideen im Haus, die Marke FTD zu retten - zum Beispiel indem man sie im Netz weiterführt und nur noch zweimal die Woche gedruckt erscheinen lässt oder den Umfang auf zwei Bücher reduziert. Hierzu liegen wohl fertige Konzepte vor. Das hätte es dem Verlag jedenfalls erlaubt, den Prestige-Titel beizubehalten. Ob eine digitale FTD rentabel wäre, ist eine andere Frage.

Mit Flugblättern gegen die Einstellung

Vorgelegt wurden die am Mittwoch im Aufsichtsrat diskutierten Maßnahmen nun vom aktuellen Vorstand, zu dem neben Torsten-Jörn Klein (Ausland) und Achim Twardy (Finanzen, Recht und Personal), seit einigen Wochen Julia Jäkel, 40, für das Deutschlandgeschäft gehört. Ihre Karriere im Verlag begann bei Gala - und der Financial Times Deutschland.

Die Redaktion der FTD, die noch in dieser Woche mit einem Flugblatt des Betriebsrats und einer Unterschriftenaktion gegen eine Einstellung ankämpfte, veröffentlichte an diesem Mittwoch auf ihrer Homepage eine Meldung in eigener Sache: "Die Financial Times Deutschland steht vor der Einstellung", hieß es da resigniert - und dass man sich für die vielen Leserbriefe zum Thema bedanke. Man warte jetzt in der Redaktion auf die Entscheidung der Verlagsführung.

Gute Nachrichten hatte am Baumwall ohnehin keiner mehr erwartet.

© SZ vom 22.11.2012/pak/fzg
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