ZDF-Kostümdrama "Die Seelen im Feuer":Der Teufel kann in jeden fahren

Lesezeit: 4 min

Die Seelen im Feuer/ZDF

Der Arzt Cornelius Weinmann (Mark Waschke, re.) versucht, den kleinen Antoni Wolff (Philipp Franck, li.) aus dem Malefizhaus (Hexengefängnis) zu retten.

(Foto: Alfons Kowatsch)

Männer, Frauen, selbst Kinder bringen sich gegenseitig in den Folterkeller: Schmerzhaft genau erzählt "Die Seelen im Feuer" von der Hexenverfolgung, von Aberglauben und Denunziation.

Von Claudia Tieschky

Das Münchner Restaurant mit seiner mittelalterlichen Bausubstanz ist vom ZDF womöglich gewählt worden, um alle stimmungsmäßig abzuholen, wie man so sagt, hinein ins neueste Vergangenheitsfernsehen. Die Schauspieler Silke Bodenbender, Mark Waschke, Axel Milberg und der Autor Stefan Kolditz sitzen dort Ende Januar vor Journalisten, um über ihren Film Die Seelen im Feuer zu sprechen. Das Drama spielt zur Zeit der Hexenverfolgung im Bistum Bamberg, es hatte Premiere beim Münchner Filmfest, die zuständige ZDF-Redakteurin Karina Ulitzsch sagt, dass sie das Thema an ihre frauenbewegte Studienzeit erinnere.

Die Frage, die auf der Hand liegt an diesem Vormittag: Braucht man das? Nach der Wanderhure, dem Medicus, den Säulen der Erde, der Hebamme, Hildegard von Bingen und all den anderen Produktionen mit bekannten Schauspielern in pittoresken Kostümen, mit draufgeschminktem Schmutz und der faulen Pracht der Paläste? Ist das Genre Historienfilm nicht heute noch mehr von gestern als sowieso schon?

Doch dann passiert Bemerkenswertes. Axel Milberg tut das, was Fußballspieler nicht dürfen, aber nach Torerfolgen trotzdem gern tun - er zieht sich das Oberteil aus und zeigt, was er so drunterträgt: "Freiheit für Raif" steht auf dem T-Shirt. Milberg ist im Film der Mann, der Menschen der Tortur unterzieht, die angeblich mit dem Teufel im Bund sind. Ein Ideologe ohne Skrupel.

Raif Badawi ist der saudische Blogger und Aktivist, der als "Beleidiger des Islam durch elektronische Mittel" zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt wurde. Die ersten 50 Schläge erhielt er am 9. Januar, Schicksal und Zustand Badawis sind seither ungewiss. "Ich dachte, als Hexenkommissar bin ich den Opfern der Folter verpflichtet", begründet Milberg die Ausziehaktion.

Die Quellenlage: hervorragend und grauenvoll

Doch zum Film: Das halbe deutsche Tatort-Ensemble hat sich dafür verkleidet. Neben Milberg (Kiel) und Waschke (demnächst Berlin) spielt auch Richy Müller (Stuttgart) mit, als Bürgermeister Johannes Junius. Von Ko-Drehbuchautor Stefan Kolditz kommt der erste Tatort mit Waschke und Meret Becker. Jetzt also Tatort Bamberg - was 400 Jahre vorher geschah?

Eher nicht. Die Seelen im Feuer ist trotz Kostümierung ein ziemlich harter Film, denn er folgt Fakten und setzt sie deutlich ins Bild. Mehr als 1000 Menschen sind zwischen 1612 und 1632 im Hochstift Bamberg umgebracht worden; wer unter mehrmaligen Folterdurchgängen gestand - und das waren fast alle - wurde lebendig verbrannt. So hatte nach der Vorstellung dieser Zeit die dann voll und ganz feuergereinigte Seele immerhin noch die Chance, der ewigen Verdammnis zu entgehen.

Die Quellenlage für den Film ist so hervorragend wie grauenvoll, die Dokumente aus dem Bamberger Malefizhaus, dem Foltergefängnis, sind erhalten und zugänglich. Die Geschichtswissenschaftlerin Sabine Weigand, Verfasserin mehrerer historischer Romane, hat für ihr Buch, auf dem der gleichnamige Film basiert, diese Quellen ausgewertet, was vermutlich kein Vergnügen war. Dazuerfunden hat sie die Hauptfiguren und ihre Liebesgeschichte: den Arzt und Forscher Cornelius Weinmann (Waschke) und die kundige Apothekerstochter Johanna Flock (Bodenbender).

Der Film zeigt, wie Männer, Frauen und selbst Kinder sich gegenseitig in die Folterkeller bringen und beschuldigen, wegen der Tortur, aber auch aus Aberglauben, und so geht das Menschenbrechen und Menschenverbrennen immer weiter. Vielleicht sei der Teufel ja doch in sie gefahren, ohne dass sie es bemerkt habe, sagt Johanna einmal.

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