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ZDF-Film:Man sieht, wie es dort riecht

Wir wären andere Menschen

Der Fahrlehrer Rupert Seidlein (Matthias Brandt) rächt sich an zwei Polizisten, die seine Eltern erschossen haben.

(Foto: Martin Valentin Menke/ZDF)

In "Wir wären andere Menschen" sucht ein hemmungslos spielender Matthias Brandt nach einer lange verschütteten Wahrheit um gewalttätige Polizisten. Der Film ist radikal, verstörend schön - und plötzlich sehr aktuell.

Von Claudia Tieschky

Dieser Film ist plötzlich sehr aktuell, denn der Ausgangspunkt des Dramas in Wir wären andere Menschen ist Polizeigewalt. Eine Nacht irgendwann in den Achtzigerjahren, ein Ort am Rhein bei Köln. Die Beamten Christoph Horn und Josef Bäumler haben fast Feierabend und Bierchen; dann müssen sie noch mal los. Piotr, ein Teenager, dessen Vater gesucht wird, soll sich im Einfamilienhaus der Familie Seidlein aufhalten, die Seidleins sind feine Leute, Herr und Frau Doktor, die Begrüßung ist gereizt. Plötzlich gerät alles außer Kontrolle, und dann liegen da vor den zwei Polizisten drei Tote, und winselnd in einer Ecke kauert nur noch der junge Rupert, Papi tot, Mami tot, bester Freund tot.

Man sieht die Szene immer wieder in den unruhigen Träumen des Fahrlehrers Rupert Seidlein (Matthias Brandt), der zurückgekehrt ist in das Kaff am Rhein und unauffällig die Nähe der Täter von damals sucht. Die Polizisten wurden gedeckt, "ihr seid so kurz vor einem Riesenskandal", warnte sie nach den Schüssen der Polizeipsychologe, der dann dem traumatisierten Rupert einen falschen Tathergang einbläute.

Vielleicht ist dieser genaue, radikale und verstörend schöne Film so, wie er ist, weil man mit Ruperts Blick schaut (Drehbuch Friedrich Ani und Ina Jung). Unordentlicher deutscher Alltag ist unterlegt mit gleichmütiger Klaviermusik; ein bisschen Sedativum , ein bisschen Verkleidung der Wirklichkeit als französisches Kino. Möglicherweise muss man sich so künstlich gleichmütig das Innenleben von Rupert vorstellen. In den besseren Phasen. In den schlechteren sieht Rupert aus wie Menschen auf Bildern von Francis Bacon. Es dürfte nicht viele geben, die diese Doppelperson so hemmungslos spielen können, wie es Matthias Brandt hier tut.

Wenn Bonny draufsteht, ist es immer etwas unvergleichlich Radikales, Entgrenztes

Der in Düsseldorf geborene Jan Bonny ist derzeit einer der auffälligsten deutschen Film-Regisseure. Egal, ob er Tatorte und Polizeirufe dreht oder Psychodramen in Köln (Über Barbarossaplatz), man bekommt immer Bonny, wenn Bonny draufsteht, etwas unvergleichlich Radikales, Entgrenztes, mit Schnitten, die Fluchten nach vorne sind. Dahinter liegt eine wache Freundlichkeit gegenüber dem normal Scheußlichen, also gegenüber den Menschen, wie sie wirklich sind, Sex, wie er in echt aussieht, oder Deckenbeleuchtung.

Diesmal inszeniert Bonny die Handlung an Orten, an denen für immer die Achtziger sind, die bei der Tatzeit stehengeblieben scheinen: bevorzugt im riesigen, halbleeren Restaurantbereich einer Tennishalle mit Plastikstühlen (die Vorliebe für hässliche Möbel ist da fast so groß wie die für Deckenbeleuchtung oder wie Bonnys Rhein-Fixiertheit). Man sieht, wie es dort riecht. Die warme Nacht liegt jenseits der leeren Schnapsgläser im Dunkeln. Rupert sitzt da herum, schreibt Dinge in ein Heft, stellt unauffällig präzise Fragen, trifft den früheren Polizisten Horn wieder, der ein erschreckend lebensgieriger Rentner geworden ist, mit neuer junger Frau, Viagra und Ferien auf La Gomera. Rupert und die Wahrheit, das könnte stören. Eigentlich schon die Erinnerung daran. Und da wird es jetzt interessant.

Wir wären andere Menschen handelt vom Dazugehören als einem Prinzip, das auf Entrechtung derer beruht, die nicht dazugehören. Der Gemeinschaft ist die Wahrheit egal, sie deckt ihre Mitglieder und stößt die aus, die sie bedrohen. Aber weil "die Sache von damals" schon so lange her ist, wird Rupert sogar von Horn mit lauernder Herzlichkeit begrüßt.

Alle hier haben ihren vergesslichen Frieden mit seinem Leid geschlossen, aber Rupert Seidlein schaut wie ein Fremder auf diesen Ort. Es gehört zu den vielen sorgfältig gelegten Sichtachsen, dass er als Fahrlehrer den Kindern der Dazugehörer beibringt, wie sie wegkommen von da; auf eine subversive Art evakuiert er sie. Unter dem Deckmantel des Dazugehörens rechnet Rupert ab, vor handlungstragenden Flusslandschaften. Ob das Ende ein Sieg oder einfach eine Wiederholung ist, überlässt Bonny dem Zuschauer.

Wir wären andere Menschen, ZDF, 23.15 Uhr.

© SZ/ebri/tmh

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