ZDF-Doku "Bikini trifft Burkini" Badewiese, weiße Socken, Adiletten, Ghettoblaster an

Im Freibad stellen die jungen Männer viel an, um gesehen zu werden.

(Foto: ZDF und Enrico Demurray)

Schwimmbäder und Flüchtlinge - das ist ein sensibles Thema. Im Grugabad in Essen treffen sich Badegäste aller Schichten und Nationalitäten. Eine ZDF-Doku zeigt den chaotischen Mikrokosmos.

TV-Kritik von Oliver Klasen

Menschen, die aus dem Ruhrgebiet kommen, sagen nicht nur "dat" und "wat", wo sonst "das" und "was" gesagt wird, sie nennen die Dinge auch gerne kurz und bündig beim Namen. Vielleicht hilft die schnoddrige Sprachfärbung dabei, Urteile, Vorurteile und einfach so hingeworfene Sätze nicht ganz so hart erscheinen zu lassen. "Hier sehen se nur noch Schwatzköppe", sagt also der braungebrannte Mann mit Lockenfrisur. Gerade hat er seine Badeliege aufgeklappt und dort aufgestellt, wo die "Ruheständler-Gang", wie der Sprecher im Film sie nennt, im Essener Grugabad immer sitzt. Unter "Schwatzköppe" subsummiert der Mann augenscheinlich sämtliche Menschen, die aussehen, als stammten die Eltern nicht aus dem Ruhrgebiet.

Auch wenn man das politisch korrekter sagen kann: Irgendwie stimmt es ja. Ins Grugabad, das größte Freibad der Region, kommen Menschen unterschiedlicher Nationalität. Deutsche, Türken, Syrer, Iraner, Libanesen. Menschen, die schon seit Geburt hier leben und Geflüchtete, die erst seit ein paar Monaten in Deutschland sind. "Jung, alt, schlau, dumm, ach nee, dat heißt ja jetzt bildungsfern", so beschreibt einer der Bademeister die Mischung im Grugabad. Das gibt manchmal Missverständnisse, manchmal Ärger und immer viel zu tun.

Jugendlicher Mob im Wellenbecken

"Bikini trifft Burkini. Wo der Ruhrpott baden geht" ist der Titel der 50-minütigen Dokumentation der beiden Autoren Enrico Demurray und Saara von Alten, die an diesem Samstag um 18 Uhr im ZDF gezeigt wird. Schwimmbäder und Flüchtlinge, das ist ein sensibles Thema. In einigen Städten hat es Berichte über sexuelle Übergriffe gegeben, Badbetreiber sahen sich veranlasst, Bade- und Benimmregeln in mehreren Sprachen herauszugeben. Ein Schwimmbad in Nordrhein-Westfalen verwehrte männlichen Flüchtlingen sogar einige Tage lang den Eintritt. Und die größte deutsche Boulevardzeitung verstieg sich vor einigen Wochen aufgrund eines missverständlich formulierten Polizeipapiers zu der Schlagzeile "Sex-Mob-Alarm im Schwimmbad".

Tatsächlich ist das ZDF-Fernsehteam dabei, als sich im Wellenbecken des Grugabades, wie der Bademeister sagt, ein kleiner "Mob" formiert, den die Bademeister zunächst nicht gebändigt bekommen. Mehrere Jungen umringen im Wasser einige Mädchen, klatschen in die Hände und tanzen im Kreis. Die Bademeister und das herbeigerufene Security-Personal beziehen am Beckenrand Stellung, beobachten die Szene, entscheiden aber dann: alles harmlos.

Es ist eine Stärke der ZDF-Doku, dass sie das Fremdeln, das Misstrauen und die Verständigungsprobleme zwischen Alteingesessenen und Neubürgern in allen Facetten ausleuchtet, aber diese Gefühle stets einbettet in die Kultur des Leben und Lebenlassens, die das Ruhrgebiet prägt.

Das Grugabad ist ein - darf man das Wort noch verwenden? - multikultureller Mikrokosmos, in dem jeder glücklich werden darf, so wie er will. Die Grenzen der Freiheit setzen allein die gestrengen Bademeister, die auf einem Turm residieren, der wohl nicht zufällig an einen Gefängnisbau erinnert. Zwischen den Gruppen, Cliquen und Kulturen, so wirkt es im Film, herrscht eine manchmal chaotische, aber letztlich friedliche Koexistenz. Mehr kann man vielleicht gar nicht verlangen in diesen aufgewühlten Zeiten.

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Die Autoren zeigen, wie die Bademeister eine Gruppe libanesischer Machos dazu bewegen, ihre Chipsreste vom Boden zu sammeln. Sie zeigen Frauen im Burkini - einer davon quietschrosa - die eine wie ein Elefantenrüssel geformte Wasserrutsche heruntersausen. Sie zeigen die Psychologiestudentin Sarah, die in aller Frühe ihre Bahnen zieht, zwölf Kilometer. Außerdem Erich Keller, ein Essener "Urviech", wie er selber sagt, das einen imposanten Bauch zur Schau trägt und schon seit dem Eröffnungsjahr 1964 hierher kommt. Und sie erwähnen den Rapper Sinan G., der von den pubertierenden Jungs im Grugabad vergöttert wird wegen Reimen wie diesen: "Ich habe Superbody, braun gebrannt, wegen Facebook werde ich von den Frauen erkannt, Badewiese, weiße Socken, Adiletten, Ghettoblaster an und jetzt tut der Assi rappen."

"Das Bad ist eine Bühne", heißt es am Anfang des Films. Das trifft es. Es ist eine riesige Bühne, mit bis zu 8000 Darstellern am Tag, die hier auftreten, sich präsentieren, miteinander agieren. Eine ziemlich große Menge dieser Schwimmbad-Darsteller lassen die ZDF-Autoren zu Wort kommen. Es gibt ein paar Redundanzen und kleinere Längen in dem Film, am Ende wirkt alles ein wenig zusammengewürfelt.

Aber hey, vielleicht hat das Methode - denn zusammengewürfelt ist das Publikum im Grugabad schließlich auch.

Dokumentation "Mein Land. Dein Land: Bikini trifft Burkini - Wo der Ruhrpott baden geht", ZDF, Samstag 6. August, 18 Uhr

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