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"Wir, die Teenager" auf Arte:Jugend war gestern

"Wir, die Teenager" bei Arte, 29.6.2014

Rauchende Jungs waren in den 1920er Jahren kein seltener Anblick.

(Foto: In öffentlichem Besitz, Library of Congress)

Von qualmenden Jungs, tanzenden Mädchen und einer "neuen Spezies": In wunderschönen Bildern entführt die Dokumentation "Wir, die Teenager" in das frühe 20. Jahrhundert. Es geht um Rebellen anderer Generationen und die Erfindung der Jugend.

Von Irene Helmes

Wohl alle Teenager werden in diesem Gefühl groß, Einzigartiges zu durchleben. Die Alten dagegen scheinen nie jung gewesen zu sein. Wie könnten sie sonst so sein, wie sie sind? Der Dokumentarfilm Wir, die Teenager aber zeigt genau das: Er taucht ein in die Jugend früherer Generationen.

"Unsere Welt ist schnelllebig, und die Eltern sind alt", sagt ein Mädchen im Film. Es ist eines der Flapper-Girls der 1920er Jahre, die "kussechten" Lippenstift tragen und sich die Haare kurz schneiden. Es spricht aus, was alle Gleichaltrigen denken werden, die noch folgen. Musik, Zigaretten, Make-Up und Kino helfen bei der Suche nach einem eigenen Stil schon damals. Die Jeunesse Dorée gilt den Erwachsenen als genusssüchtig und verwöhnt. Sie feiern wie verrückt, das Londoner Partygirl Brenda wird zum "ersten Starjunkie". Und so geht es weiter in Wir, die Teenager, eine Zeitreise als visueller Wirbelwind.

Der britische Pophistoriker Jon Savage hat mit seinem Buch "Teenage - Die Erfindung der Jugend (1875-1945)" gewissermaßen die Kinderjahre des Phänomens Teenager erforscht. Der New Yorker Regisseur Matt Wolf hat sich 2013 davon zu seiner liebevollen Filmadaption inspirieren lassen, die auf Arte nun in deutscher Erstausstrahlung zu sehen ist.

Wolfs Bilder sind so schön, oft so irritierend modern, dass kaum zu erkennen ist, welche nun zeitgenössisch sind und welche nachgestellt. Doch genau darin liegt die Faszination seiner Collage. Die üblichen TV-Wissenschaftler, die mit heiligem Ernst in immer gleich aussehenden Einspielern ihre Forschung erläutern, lässt der Ästhet nicht vor seine Kamera. Stattdessen mischt er Originalaufnahmen aus Dutzenden Archiven mit wirklich gelungenen Spielszenen.

"Wir, die Teenager" bei Arte

Der Teenager mit seiner einzigartigen Lebenswelt - damals noch ein neuartiges Phänomen.

(Foto: WDR/Cinereach/Anna Rose Holmer)

Die Buchvorlage hat weit ausgeholt. Der Film setzt etwas später ein, zeigt die vor dem Ersten Weltkrieg noch völlig übliche Kinderarbeit im industrialisierten England. Noch ist keine Übergangszeit vorgesehen vom Unmündigen zum Erwachsenen. Doch dann tritt eine "neue Spezies" auf: "Wir entdeckten, dass es noch einen weiteren Lebensabschnitt gab: die Jugend".

"Es gab uns nicht immer"

Auf das krampfhafte Zittern traumatisierter junger Veteranen am Ende des 1. Weltkriegs folgt ein verträumt tanzendes Mädchen im Zwanzigerjahre-Dress. Später explodiert die Bewegungslust zum Big-Band-Swing "mit seinem irren Rhythmus", in den Straßen von Harlem wird Basketball gespielt, lange bevor die NBA den Sport zum globalen Spektakel macht. Mädchen mobben einander wegen der "falschen" Klamotten, ohne dass der Begriff Mobbing erfunden wäre, Fans flippen schon vor der Beatlemania wegen Rudolph Valentino oder Frank Sinatra aus. Jugendliche werden als kaum zu bändigende Quelle des Neuen, dann wieder als willige Konsumenten gezeigt. Oder als Kämpfer für den großen Krieg - Mitglieder der Hitlerjugend lässt Wolf durch Zitate aus Tagebüchern ebenso konsequent aus der Ich-Perspektive erzählen wie alle anderen Figuren im Film.

Das Rätsel der sich immer wiederholenden Verwandlung

"Wir sind Teenager, aber es gab uns nicht immer. Wir sind eine Erfindung der Kriegszeit", heißt es an einer Stelle. Der Zusammenhang zwischen jugendlicher Rebellion und der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs ist das zentrale Motiv von Savage und Wolf. "Der Teenager war eine amerikanische Erfindung, genau so wollten wir sein", zitieren sie aus einem deutschen Tagebuch vom Kriegsende. Es wäre wohl zu viel gewollt, würde man sich von dieser Doku noch einen Blick über den europäischen und US-amerikanischen Tellerrand hinaus wünschen.

Wir, die Teenager ist voller Déjà-vus, die Vorwürfe gegen eine vermeintlich außer Kontrolle geratende Jugend haben sich letztlich wenig geändert. Die jeweiligen Eltern und Großeltern bekommen eine Stimme durch Ausschnitte aus historischen Nachrichtensendungen über Jugendkriminalität, Verlotterung und drohende Anarchie. Das Rätsel der sich immer wiederholenden Verwandlung von Teenagern in Erwachsene, die gealtert die jeweils nächste Generation skeptisch, gar ängstlich beäugen, kann auch dieser Film nicht auflösen. Matt Wolf zeigt lieber, anstatt zu erklären. Und dieser Bilderrausch ist sehenswert.

Wir, die Teenager. Arte, Sonntag, 21.35 Uhr.

© SZ.de/mkoh/ratz
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