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Hörspiel "Wanderer":Leise Wolfsschritte

Hörspiel "Wanderer"

Bei John Alec Baker wird Natur zu einer überformten Kunstlandschaft.

(Foto: Werner Cee/SWR)

Das Klangstück "Wanderer" interpretiert Texte des Nature-Writing-Autors John Alec Baker - und zieht einen tief ins Unterholz.

Von Stefan Fischer

"Unter der Oberfläche der sichtbaren Welt höre ich ihn, den leisen Wolfsschritt der jenseitigen Welt, der räuberischen Welt", sagt eine Frauenstimme. Wer sich mit auf diese akustische Wanderschaft begibt, wird ebenfalls rasch ein Sensorium entwickeln für diese Geräusche, unbekannte zumeist und deshalb ein bisschen unheimlich. Aber auch spannend, die eigene Neugier reizend - es ist die geheimnisträchtige Verlockung einer gleichzeitig unter- wie überirdischen Sphäre.

Der britische Schriftsteller John Alec Baker (1926 - 1987), in Deutschland wenig bekannt, ist in seiner Heimat anerkannt als ein wichtiger Autor des Nature Writing. Der Komponist, Musiker und Hörspielautor Werner Cee, der die Stoffe seiner klangkünstlerischen Werke oftmals in akustischen Naturphänomenen findet, hat Baker in seinem Hörstück Wanderer für sich entdeckt.

Bakers Nature Writing meidet jeglichen Naturalismus

Naturalismus spielt dabei keine Rolle, weder für Baker noch für Cee. Für Baker hat die Natur mehrere Dimensionen, nicht nur die offensichtliche, also das Landschaftspanorama. Sondern auch eine historische: Immer wieder scheucht er Geister aus der Vergangenheit durch seine Szenerien, mitunter auch Abgesandte aus einer unbestimmten Zukunft. Und eine auf den ersten Blick verborgene: das Leben unter den Blättern, hinter der Borke, im Boden.

Werner Cee benutzt englischsprachige Originalpassagen, gesprochen von Neville Tranter. Andere Auszüge sind ins Deutsche übersetzt und werden von Isabel Karajan vorgetragen, die auch singt. Cees Kompositionen mischen Blasinstrumente - Flügelhorn, Trompete, Piccolo - und Elektronik, er selbst spielt E-Bass und E-Chin. In einigen wenigen Passagen streift der Sound Naturgeräusche, wobei nicht zu entscheiden ist, ob es sich eher um einen Regenschauer oder um raschelndes Laub handelt.

Meist erzählt die Musik mit ihren Mitteln, was auch Baker in seinen Texten formuliert: eine Geschichte des Hineinkriechens und Aufgehens in einem Kosmos, in dem jegliche Zivilisation außen vor bleibt. Wie Flechten kriechen die Geräusche durch das Hörstück, mal moosweich, mal holzhart. Das Ganze ist überzogen von einer Düsternis, die - und das ist das Faszinierende an Wanderer - trotzdem nicht gruselig ist, sondern auf eine verquere Art Geborgenheit vermittelt und eine große Ruhe aussendet.

Wanderer, SWR 2, Donnerstag, 22.05 Uhr.

© SZ/cag
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