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US-Berichterstattung zu "Sandy":Rackern im Sturm

Sie werfen sich in die Fluten und werden von "Sandy" fast davongeweht: Reporter des US-Fernsehens überbieten sich mit kamerawirksamen Aktionen. Wo der Strom nicht ausfällt, steigert der Sturm Quoten und Werbeeinnahmen. Doch Kritik bleibt nicht aus.

Irene Helmes

Als ABC-Wetterreporter Sam Champion vor Sandys Ankunft noch ganz gemütlich im Süden von Manhattan steht, wirft sich sein Kollege Matt Gutman schon im Ganzkörperregenmantel in die Fluten am Strand von North Carolina und erklärt, wie die Wellen am Pier "explodieren". Zwischendurch ist er kaum mehr zu sehen, weil sein Kameramann nicht schnell genug die Linse freiwischen kann.

Wirklich dramatisch waren die Bilder da noch nicht - vielmehr ist zu spüren, dass die US-Sender längst nicht mehr anders können, als ihre Außenreporter bei Ereignissen wie Sandy frühzeitig zu postieren. Schon seit dem Wochenende gibt es im US-Fernsehen Sondersendungen mit Titeln wie "Halloween Superstorm", bei ABC ist dafür ein "extreme weather team" im Einsatz, das die Zuschauer permanent auf dem Laufenden hält. Komme was wolle.

Eine amerikanische Twitter-Userin postete bereits am 26. Oktober: "Es ist seltsam, wie die Medienberichterstattung die Leute tatsächlich HOFFEN lässt, dass Sandy ein großer Sturm ist." Nun ist der Sturm gekommen und seine Zerstörungskraft hat sich in der Tat als enorm erwiesen. Für die US-Medien, allen voran die TV-Networks, war und ist Sandy aber nicht nur eine Naturkatastrophe, sondern vor allem eins: harter Konkurrenzkampf - um die dramatischsten Bilder, um die mitreißendsten Kommentare.

Die Sturmübertragungen des US-Fernsehens schwenken bei solchen Ereignissen hin und her zwischen ernst blickenden Kommentatoren im Studio und den erwähnten Außenreportern, die sich so weit wie möglich ins Chaos vorwagen. Bei CNN ist der Reporter kaum mehr zu erkennen, der live über die Evakuierung von Atlantic City berichtet und auf der regengepeitschten Straße fast davongeweht wird. Allerdings werden solche Szenen nicht selten ad absurdum geführt; in diesem Fall, als hinter dem Reporter plötzlich einige junge Männer ein Tänzchen aufführen.

Abschied von "Frankenstorm"

Inzwischen sind die Bilder der tatsächlichen Zerstörung verfügbar, doch die Ungewissheit vor Sandys Ankunft am Montagabend hat es den Sendern nicht leicht gemacht. Ein Medienblog der New York Times spöttelt, wer in den betroffenen Gebieten im Vorfeld regelmäßig den Fernseher angeschaltet habe, habe sich fühlen müssen wie in einer Fortsetzung von "Und täglich grüßt das Murmeltier" - immer die gleichen Bilder, die gleichen Schreckensszenarien.

Immerhin, die Dramatisierung hat gelegentlich Grenzen gefunden. Einige der sonst so schlagwortbegeisterten US-Sender haben sich noch vor Sandys Ankunft an der Ostküste vom Spitznamen "Frankenstorm" verabschiedet, darunter CNN und der Weather Channel. Der Sturm solle nicht trivialisiert werden. Es bleiben ja auch noch genügend andere Sprüche: "Der Monstersturm aus der Hölle" zum Beispiel (Christiane Amanpour bei CNN).

Es geht um Quote und Wettbewerb, doch auch um Information für die Betroffenen. Damit erklären einige Medienhäuser, darunter die New York Times und das Wall Street Journal, am Montag ihre Entscheidung, ihre Paywalls auf Weiteres zu deaktivieren und alle Online-Inhalte zum Sturm gratis zugänglich zu machen.

Kein Blick in die Karibik

Derweil klingelt vor allem bei Fernsehsendern die Werbekasse, denn Unternehmen erkennen die Chance, aus Sandy Kapital zu schlagen: Bei Sendern wie dem Weather Channel häufen sich Spots für Stromgeneratoren und andere Utensilien für den Ausnahmezustand. Der Wetter-Kanal sendet seit Sonntagnacht zusätzlich zum normalen Programm ausnahmsweise live auf YouTube und seiner eigenen Website. In dieser Onlineversion schalten unter anderem Versicherungen Werbebanner und ein Batterienhersteller kündigte an, mit Lastwagen Gratis-Batterien in betroffene Gebiete zu fahren.

Andere Unternehmen müssen sich nicht mal PR-Aktionen ausdenken - ihnen fliegen die Dollars auch so zu. So teilte der Online-Stream-Anbieter Netflix mit, Streams von Serien und Filmen seien aktuell besonders an der Ostküste bis zu 20 Prozent mehr gefragt als sonst. Ablenkung ist gefragt bei denjenigen, die daheim den Sturm aussitzen müssen - und noch Strom haben.

Für manche hat die Berichterstattung der US-Medien aber noch einen ganz anderen Beigeschmack als die ergriffene Chance auf Werbung und Publicity: Während man sich fast ausschließlich auf Sandys Auswirkungen auf die US-Ostküste konzentriert habe, seien die Zerstörungen in der Karibik ignoriert worden. Die Organisation "Green Left" etwa beklagt, dass die US-Seite WFSB.com am 30. Oktober über die "ersten Toten durch Sandy" berichtet habe - Tage nachdem der Sturm allein in Haiti 51 Menschen das Leben gekostet habe.

Auf Twitter häufen sich die Beschwerden über die ungleich verteite Aufmerksamkeit. Diese ist aber kaum überraschend: Der letzten großen Studie des "Pew Project for Excellence in Journalism" zufolge widmen die großen US-TV-Sender internationalen Ereignissen, die keinen direkten Bezug zu den USA haben, nur etwa drei Prozent ihrer Nachrichtenzeit.

© Süddeutsche.de/ihe/vks/gba
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