"Tagesschau" Gelesen, nicht moderiert

Es ist ja nicht so, dass die Tagesschau sich selbst zur Zentrale des deutschen Nachrichtenwesens erklärt hätte - das Publikum hat sie institutionalisiert durch eine hartnäckige, fast irrationale Treue. Als sei etwas erst wirklich geschehen, wenn es in der Tagesschau kommt. Aus dieser Gefolgschaft entsteht auch eine Verantwortung, die Kai Gniffke trägt, als einer von zwei Chefredakteuren von ARD aktuell verantwortlich für die Sendung. Was würde passieren, würde die Tagesschau Mohammed-Karikaturen zeigen? Wie reagierten die Bürger, wenn ihnen die öffentlich-rechtlichen Hauptnachrichten lässig verkünden würden, ihre Konten seien nicht mehr sicher? "Deswegen achten wir genau darauf, wie wir Nachrichten intonieren", sagt Gniffke. Nicht, dass morgen Kirchen brennen oder Banken gestürmt werden.

Weil sie seit eh und je vorsichtig in Form und Sprache ist, wirkt die Sendung bisweilen träge. Sie hat, ganz erstaunlich, noch nie einen bedeutenden Fernsehpreis gewonnen - so selbstverständlich ist sie geworden. Aber sie bewegt sich doch. Um den Markenkern der 20-Uhr-Ausgabe herum gibt es inzwischen ein vielfältiges Programm. Eine App fürs Smartphone, eine eigene Plattform im Internet, ein 24-Stunden-Kanal im Digitalfernsehen. Das Studio in Haus 18 wird ständig benutzt. In ein paar Monaten wird die Tagesschau sogar ein neues Studio in Betrieb nehmen, das alte ist 15 Jahre als und abgenudelt, die Kulisse hat sich seit acht Jahren nicht verändert.

"Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer

(Foto: NDR/Holde Schneider)

Das neue Studio ist schon fertig, nur die Software fehlt. Schiffsplanken liegen auf dem Boden, das Licht wird kühler werden. Herzstück ist eine 17 Meter lange Multimedia-Wand, von sieben Beamern bespielt. Weltweit einmalig sei das. Alles, was auf der Wand gezeigt wird, sehen auch die Sprecher. Nichts ist virtuell. "Nachrichten sind real", sagt Jens Riewa, "sie sollten aus einem realen Studio kommen." Auch das sei Glaubwürdigkeit. Daneben werden die Bilder hinter den Sprechern größer werden, weswegen sie sich bei ARD aktuell gerade sehr mit Fotojournalismus beschäftigen. Aber ansonsten wird alles bleiben wie es ist. Es wird gelesen, nicht moderiert.

Denn darum geht es ja. Kleber, früher selbst ARD-Korrespondent, hält moderierte Nachrichten für moderner als gesprochene, während Kai Gniffke genau das zur "Markenpflege" erklärt. Die Tagesschau ist erfolgreich, wie sie ist, "und damit widersprechen wir jeder Form der Medienforschung", die stärkere Personalisierung predige. Wenn die Menschen wissen wollten, was den Tag über wichtig war, dann erführen sie das um acht Uhr im Ersten, vorgetragen von einem Mann mit Krawatte oder einer Frau im Kostüm. "Zu einer perfekten Nachrichtensendung gehört ein perfekter Vortrag", findet Gniffke.

Tatsächlich werden in Hamburg Nachrichten nicht grundsätzlich anders gemacht als etwa bei der Süddeutschen Zeitung oder der Waiblinger Kreiszeitung. Redakteure sichten, was Korrespondenten vorschlagen, was Nachrichtenagenturen für wichtig halten und was bei anderen Medien schon wichtig ist.

Begrenzter Platz und Chronistenpflicht

Während Medien wie das Internet sich sekündlich dem Interesse des Nutzers anpassen können, unterliegt die Tagesschau ähnlich wie die Nachrichtenressorts in Tageszeitungen anderen Zwängen, begrenztem Platz zum Beispiel und einer Chronistenpflicht. 15 Minuten sind nicht viel Zeit fürs Weltgeschehen, die Viertelstunde ist seit 60 Jahren obligatorisch. Redakteure schreiben die Nachrichten auf, die es in die Sendung schaffen, schneiden Korrespondentenberichte, beschriften Filmbeiträge. Der Sprecher liest sich ein.

An diesem Dienstag im Juni landet Barack Obama in Berlin, bis kurz vor der Sendung ist nicht klar, ob die Airforce One zwischen 20 und 20.15 Uhr eintreffen wird. Leitungen sind geschaltet, die Sendung wird noch gestrickt, während sie schon läuft, Beiträge können in Sekundenschnelle umgestellt, gekippt, ersetzt werden. Das alte Schlachtross tanzt. Und während im Newsroom der Redakteure Wortfetzen über Schreibtische fliegen, herrscht hinter der dicken Tür zur Regie eine Stimmung wie an Heilig Abend, wenn das Glöckchen gebimmelt hat: Alle Hektik ist dem wohlgeordneten Ablauf gewichen, alles funktioniert aus Routine, fehlerfrei.

Es folgt eine kurze Nachkritik im Stehen. Dass Obama um 20.17 landet - geschenkt. Für die Zwanzig-Uhr-Schicht hat die Welt da draußen schon geschlossen.