"Twin Peaks" Wir sehen uns wieder

Das neue "Twin Peaks" sei keine dritte Staffel, hat David Lynch gesagt, sondern ein neues eigenständiges Kunstwerk.

(Foto: AP)

Mit seiner Serie über den Mord an einem High-School-Mädchen revolutionierte David Lynch 1990 das Fernsehen. Jetzt ist "Twin Peaks" zurück - und das Gegenteil aller Erwartungen.

Von David Steinitz

Der Regisseur David Lynch ist zuletzt vor allem als Designer für Damensportunterwäsche in Erscheinung getreten. Seine "Activewear"-Kollektion für yogabegeisterte Frauen zeichnet sich durch eine Art Blumencamouflage-Look aus, gibt angeblich an genau den richtigen Stellen Halt für komplizierte Dehnübungen und wirft außerdem die Frage auf, was zum Teufel los ist mit einem der besten Filmemacher der Welt.

Der heute 71-Jährige ist dreimal für den Oscar nominiert worden und hat zweimal die Goldene Palme beim Filmfestival in Cannes gewonnen. Erst kürzlich machte die BBC eine weltweite Umfrage unter Filmkritikern, die seine Hollywood-Groteske Mulholland Drive zum besten Film des jungen 21. Jahrhunderts wählten. Aber Lynch selber schien keine Lust mehr auf seinen Job zu haben, sein letzter Spielfilm Inland Empire liegt mehr als ein Jahrzehnt zurück, und schon damals verkündete er in Interviews, eher nichts mehr drehen zu wollen. Lieber daheim Kaffee trinken, meditieren und, äh, Sport-BHs entwerfen.

Jetzt aber: Twin Peaks. Am Sonntagabend strahlte der US-Sender Showtime die ersten beiden Folgen einer neuen, dritten Staffel von Lynchs Kultserie aus, mit der er Anfang der Neunzigerjahre das Fernsehen auf den Kopf stellte. Seit Montag sind die ersten vier von insgesamt 18 Folgen in der Originalfassung in Deutschland auch bei Sky abrufbar. Also doch keine Filmemacher-Rente?

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Kaum jemand glaubte, dass es die Serienfortschreibung wirklich geben würde

Bereits vor ein paar Jahren kündigten Lynch und sein Koautor Mark Frost an, dass die Geschichte um die mysteriöse Kleinstadt Twin Peaks und ihre triebhaften Bewohner noch nicht ganz fertig erzählt sei. Aber erst wollte ihnen nicht recht einfallen, wie es weitergehen könnte, und dann gab es einen Streit zwischen Lynch und dem Pay-TV-Sender Showtime. Der war zwar gewillt, die ursprünglich vom Konkurrenten ABC produzierte Serie fortzuführen, aber doch bitte nicht gleich mit 18 Folgen. Woraufhin Lynch medienwirksam die Zusammenarbeit aufkündigte, öffentlich über die verantwortlichen Senderidioten schimpfte und erst unter Erfüllung all seiner Budgetwünsche zurückgeholt werden konnte. Schönstes Showbusiness-Theater also, die Serienfortschreibung entwickelte sich in den vergangenen fünf Jahren zum Treppenwitz in Hollywood, weil kaum noch jemand daran glaubte, dass sie jemals ernsthaft stattfinden würde.

Lynch revolutionierte mit seiner Geschichte über den Mord am High-School-Mädchen Laura Palmer, in den eine ganze Kleinstadt involviert war, zwar das Fernsehen - aber eben das Fernsehen des Jahres 1990. Twin Peaks war der entscheidende Teufelsritt in Sachen Serienabsurdität, der die meisten späteren Hitserien salonfähig machte. Ohne Twin Peaks kein Akte X, kein Lost, kein Stranger Things.

Doch seitdem hat sich durch Streamingdienste und Kabelsenderinflation das Fernsehen grundlegend verändert. Der Schockeffekt des Skurrilitätenkabinetts, das Lynch und Frost damals auf die Zuschauer losließen, die höchstens eine Handvoll Sender zur Verfügung hatten, hat sich abgenutzt, weil mittlerweile fast alle Serienformate mit überdrehten Charakteren und Geschichten um Zuschauer buhlen. Allein in der Zeit, in der Lynch damals in der Pilotfolge einem Ventilator beim Drehen oder einem Kaminfeuer beim Knistern zuschaute, bekommt man heute bei Game of Thrones drei nackte Mädchen und zwei Tote zu sehen.

Übersicht? Absolut unerwünscht.

Aber Lynch, trotz aller Querelen und Unkenrufe zurück auf dem Regiestuhl, macht nun im dritten Twin Peaks-Anlauf genau das, was er schon in seinen Kinofilmen, den ersten Twin Peaks-Folgen oder mit der Damensportunterwäsche gemacht hat: das Gegenteil von dem, was das Publikum erwartet. Anstatt auch nur im Ansatz zu probieren, noch mal aufs wild rotierende Serienkarussell aufzuspringen, lässt Lynch das serielle Erzählen einfach links liegen. Twin Peaks 2017 ist keine Serie mit 18 Folgen, sondern ein 18-stündiger Spielfilm. Selbst auf die Cliffhanger, die er früher einbaute, und die auch andere Serien, die horizontal erzählen, gerade noch zu Serien machen, verzichtet er zugunsten seines Bewusstseinsstroms. Der wird nur von Vor- und Abspann unterbrochen, weil das nun mal die Formalien des Fernsehsenders sind, der verrückt genug war, dieses Wahnsinnsopus zu bezahlen. Zumindest ist das der Eindruck nach den ersten verfügbaren Folgen, die den Zuschauer in ein Filmlabyrinth mit jeder Menge Falltüren führen. Übersicht? Absolut unerwünscht.

Los geht es mit einer 25 Jahre alten Szene aus der letzten Folge von damals. Darin war der FBI-Agent Cooper (Kyle MacLachlan) in einer merkwürdigen Zwischenwelt gefangen, umgeben von schweren roten Samtvorhängen. Hier begegnete er dem Mädchen Laura (Sheryl Lee), dessen Tod er aufklärte, und das ihm verkündete, dass sie sich in 25 Jahren wiedersehen würden. Zweieinhalb Jahrzehnte später sind Cooper und Laura zwar deutlich faltiger geworden, hocken aber immer noch bei schummriger Puffbeleuchtung zwischen den roten Samtvorhängen. Derweil hat es ein bösartiger Cooper-Doppelgänger hinaus in die echte Welt geschafft und treibt dort in und um Twin Peaks sein Unwesen. Das Städtchen spielt in den ersten neuen Folgen aber nur eine untergeordnete Rolle, zusätzlich lernt der Zuschauer neue Charaktere kennen. In New York bewacht ein junger Mann in einem fensterlosen Raum eine riesige Glasbox, aus der alsbald ein Monster auftaucht, das aussieht wie das Schwarzweißnegativ eines Skeletts. Und in einer Kleinstadt in South Dakota geschieht ein Mord, der Schuldirektor wird verhaftet, weil seine Fingerabdrücke am Tatort sind, nur erinnern kann er sich an nichts.

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Keine dritte Staffel, sondern ein eigenständiges Kunstwerk

Noch mehr als die ersten beiden Staffeln wirkt dieser Neuanfang wie eine Hypnosesitzung, die den Zuschauer ordentlich high machen soll, was vermutlich daran liegt, dass Lynch diesmal alle Folgen alleine inszeniert hat, anstatt wie früher auch andere Regisseure zu engagieren.

Der Clou an der alten Serie war, dass sie wie die triebhafte Mutation einer klassischen Soap funktionierte. Lynch reicherte die Mechanismen der Seifenoper mit seinem Kinomystizismus an, und heraus kam eine esoterische Variation der Frage, wer mit wem geschlafen hat und zu welchen Perversionen der amerikanische Kleinbürger so fähig sein kann. Die Soap aber lebt von einem begrenzten Schauplatz und einem übersichtlichen Figurenpersonal. Beides meidet Lynch nun mit den neuen dramaturgischen Baustellen, mit denen er die alte Geschichte fortsetzt. In einem Interview mit der New York Times sagte er, er verstehe die neuen Folgen keinesfalls als dritte Staffel, sondern als eigenständiges Kunstwerk. Das ist natürlich eine sympathische Unverschämtheit, denn so wie er hier alte Figuren und Handlungsstränge mit neuen mischt, kommt man ohne eine rudimentäre Kenntnis der alten Folgen überhaupt nicht mehr zurecht.

Wer nicht weiß, dass Twin Peaks von älteren Ladys bevölkert wird, die mit Baumstämmen sprechen, und dass solche Figuren noch eher zum bodenständigen Teil des Personals gehören, der wird vermutlich sofort aus der Fortsetzung geschleudert. Wer sich an Twin Peaks aber wie an einen irritierenden Traum erinnert, der aus den untersten Regionen des Bewusstseins hervorkriecht und ein angenehmes Schaudern hervorrufen kann, wer bereit ist, sich darauf einzulassen, der dürfte jetzt sehr unterhaltsame 18 Stunden vor sich haben.

Twin Peaks, abrufbar bei Sky, von 25. Mai auch bei Sky Atlantic HD, 20.10 Uhr.