TV-Shows Wie Deutschland im Fernsehen zu sich selbst fand

Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff lenkte ab von einer Zeit, in der er sich selbst Zehen amputierte.

(Foto: Kurt Bethke/SWR/HR)
  • Der Filmessay Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling erzählt von einer Zeit, in der sich die ganze Familie zur Samstagabendshow vor dem Fernseher versammelte.
  • Die Erinnerung an dieses kollektive Fernseherlebnis nährt bis heute die Sehnsucht nach einer Show für alle.
  • Schilling zeigt mit ihrer atemberaubend montierten Doku, wie Deutschland im Fernsehen die Traumata der Vergangenheit überwand - und zu einem "Wir" wurde.
Von Claudia Tieschky

Neulich meldete der Spiegel exklusiv die Sensation, dass Thomas Gottschalk anlässlich seines 70. Geburtstags noch einmal mit Wetten,dass..? im ZDF zu sehen sein könnte. Also 2020, weshalb Gottschalk witzelte: "Falls es mich und das ZDF dann noch gibt." Aber da war sie wieder - die Sehnsucht nach dem, was angeblich mit Wetten, dass..? verschwunden ist. Die Sehnsucht nach der Show für alle, nach dem kollektiven Fernseherlebnis. Meistens wird dieses Erlebnis von den heute Erwachsenen heraufbeschworen als magische Erinnerung aus dem vorigen Jahrhundert, sie selbst als Kinder dabei, schon gebadet und im Schlafanzug. Es waren saubere, optimistische Zeiten. Ja, die deutsche Samstagabendshow, das ist ein großer sentimentaler Stoff, der nicht unbedingt mit dem Fernsehen zu tun hat. In so einem Pyjama kann man endlos schwelgen.

Der Filmessay Kulenkampffs Schuhe von Regina Schilling, Jahrgang 1962, hat auch diese Schlafanzug-Szene, rekonstruiert wird mit Super-8-Schnipseln und Fotoalbum die Geschichte ihres früh gestorbenen Vaters. Der war Jahrgang 1925 und besaß eine Drogerie in Köln, sein kleiner Finger war lackiert, wenn er der Kundschaft die Farben vorführte. Um ihm näherzukommen, befragt Schilling nicht Menschen, die ihn kannten, sondern mustert die Lebensläufe von Zeitgenossen, die für sie "Familienmitglieder" waren, seit die Fernsehtruhe im Wohnzimmer stand - Fernsehstars wie Hans-Joachim Kulenkampff aus Einer wird gewinnen, Jahrgang 1921. Eine spekulative Methode, die es erlaubt, den fernen Vater sozusagen als typisch für seine Generation in die Zeitgeschichte der Bundesrepublik hineinzupinseln. Schilling inszeniert ihre Recherche in Ich-Form und dem Ton kindlicher Neugier. Und dann killt sie die Pyjama-Welt.

Die Geschichte des Vaters ist keine schöne. Er hat sich totgearbeitet beim Versuch, den Erfolg zu erreichen, den das Wirtschaftswunder in Aussicht stellte. Er expandierte, nahm Kredite auf, aber das Wirtschaftswunder wusste nichts von seinem schwachen Herzen, und als er starb, hinterließ er 100 000 Mark Schulden. Über den Krieg hatte er nie geredet. Die Tochter stellt Getriebenheit und Herzschwäche vielleicht ein wenig zu pauschal unter Verdacht, ein Trauma aus dem Krieg könnte der Grund dafür sein.

Entstanden ist ein faszinierender Film über das Fernsehen und eine Nation, die darin ganz zu sich kam

Atemberaubend aber wird ihr Montage-Stil dann, wenn sie aufs Showparkett wechselt und die elegante Unterhaltung, die Kinoseligkeit, die Kinderchöre und Quizze mit den Lebensläufen der 1921 bis 1926 geborenen Entertainer gegenschneidet; Kulenkampff an der Ostfront, wo er sich Zehen selbst amputiert; der Berliner Hans Rosenthal, der die Deportation seines jüngeren Bruders nicht verhindern kann und versteckt in einer Laubenkolonie überlebt; Peter Alexander, der sich im letzten Kriegsjahr freiwillig zur Marine meldet. "Das deutsche Volk hat in den vergangenen Jahren zu viel erleben müssen", orakelt Konrad Adenauer.

Hätte man miteinander arbeiten können, fragt Schilling, wenn man all dies voneinander gewusst hätte? Und sie zeigt, was das TV den Leuten gab, während über Wiederbewaffnung gestritten wurde und die Auschwitz-Prozesse begannen. Abgesehen von gewissen Bemerkungen, die Kulenkampff lächelnd anbrachte und die das Publikum richtig verstand ("das einzige Mal, dass ich es nicht bereut habe, in Russland gewesen zu sein"), war das Fernsehen ein Ort, an dem die jüngste Vergangenheit aufs Unterhaltsamste fehlte. Und da nichts stärker verbindet als etwas gemeinsam Beschwiegenes, findet die Filmautorin damit eine gar nicht familienselige, sondern sehr politische Erklärung für dieses berühmte Wir-Gefühl bei den TV-Shows, die sie als Kind so "richtig schön langweilig" fand.

Das Rätsel ihres Vaters lüftet Schilling übrigens nicht, vielleicht wollte sie es gar nicht. Entstanden ist ein faszinierender Film über das Fernsehen und eine Nation, die darin ganz zu sich kam.

Das Pyjama-Idyll endet für Regina Schilling genau am 9. November 1978. Die 75. Ausgabe von Dalli Dalli fällt auf den ersten Gedenktag der Pogromnacht in Deutschland; Rosenthal möchte die Sendung verschieben, das ZDF findet ihn zu empfindlich. Der Showmaster fügt sich, in der Sendung trägt er Schwarz; direkt nach dem Quiz bringt das ZDF die Holocaust-Dokumentation Nacht und Nebel von Alain Resnais von 1956, für die 16-jährige Regina ein Schock: "Nach diesem Film schaue ich anders auf die Welt."

Kulenkampffs Schuhe, Das Erste, 22.30 Uhr.

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