Elvis-Doku in der ARD Held der Demokratie, Opfer des Kapitalismus

Inbegriff des amerikanischen Traums: Elvis Presley Mitte der Fünfziger auf seinem Anwesen.

(Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images)

Eine meisterhafte Doku erzählt vom Leben Elvis Presleys - als Metapher für das Amerika der Gegenwart. Eine Spurensuche am Rande der Gesellschaft.

Von Julian Dörr

Früher, da war Elvis Presley der Inbegriff des amerikanischen Traums für die Leute in Tupelo, Mississippi. Vom einzigen weißen Jungen im ärmlichen Schwarzenviertel zur Ikone der Popkultur. Und heute? Heute arbeitet Terry im Geburtshaus von Elvis Presley, kann davon aber nicht leben. Sie hat einen College-Abschluss, findet jedoch in ganz Mississippi keinen Job. Terry ist einer von vielen Menschen, denen Regisseur Eugene Jarecki auf seinem Roadtrip quer durch die USA begegnet. Er trifft Prominente und Kellnerinnen, Bluesmusiker und Fabrikarbeiter. Er spricht mit ihnen über Elvis Presley, aber eigentlich spricht er mit ihnen über die USA, damals und heute. Das Ergebnis ist The King - Elvis und der amerikanische Traum, eine großartige Dokumentation, die gleichzeitig Musiker-Biografie ist und Panoramaaufnahme vom Rand der amerikanischen Gesellschaft.

Was ist los mit diesem Land? Diese Frage treibt Jarecki und seine Wegbegleiter um. Beim Krabbensandwich in Elvis' Heimatstadt wird erläutert, wie weit die USA der Fünfziger und die USA der Gegenwart auseinanderliegen. Der Aufstieg, der Elvis damals möglich war, sagt ein Mann, heute würde er ihm verwehrt bleiben. Die Menschen in Tupelo und Memphis, in New York und Las Vegas, sie glauben nicht mehr an den amerikanischen Traum.

Regisseur Jarecki kommentiert all das nicht, er lässt die Bilder, die Erfahrungen und Töne für sich sprechen. Archivaufnahmen von Elvis reihen sich an wunderschöne Landschaftsaufnahmen aus dem Rolls-Royce. Der King schwingt die Hüften, und vor dem Fenster donnern Güterzüge vorbei, Büffel grasen auf grünen Weiden. Jarecki schneidet alles zusammen, er stellt die Geschichte des Musikers und die Geschichte des Landes nebeneinander. Und dann lässt er sie wirken. Eine Band spielt auf dem Rücksitz, draußen zieht die Prärie vorbei, das alte Land, die alte Musik, und aus dem Radio weht die Gegenwart herüber: Die Reichsten werden immer reicher. Die Zahl der Drogentoten steigt. Donald Trump kandidiert für das Amt des Präsidenten. Das Land ist gespalten. Irgendjemand fragt: Ist das noch mein Amerika?

Und plötzlich geht es um das Werk schwarzer Männer, das ein weißer Junge zu Geld macht

Und dann wird diese Doku wahrlich meisterhaft. Jarecki erspürt den Bruch. Terry hat Trump gewählt. Der Mann mit dem Krabbensandwich sagt: Wenn es die Demokraten nicht packen, sind wir verloren. Die Konfliktlinien ziehen sich durch das Land - und durch das Leben von Presley. Rapper Chuck D von Public Enemy sagt: "Ich scheiß auf Elvis. Er war kein größerer King als Little Richard oder Chuck Berry oder Bo Diddley." Auf einmal geht es um das Lebenswerk schwarzer Männer, das ein weißer Junge zu Geld gemacht hat. Elvis hat von der afroamerikanischen Kultur profitiert, sagt Aktivist Van Jones, aber als die Zeit der Bürgerrechtsbewegung begann, schwieg er. Regisseur Jarecki lässt diese Widersprüche zu, er webt sie ein in den Erzählfluss seines Films.

The King ist die Geschichte einer tragischen Figur, die Geschichte vom Untergang eines Imperiums. Ein melancholischer Film über ein kaputtes Land, süchtig nach Geld, nach Ruhm, nach mehr. The King ist aber auch eine aufrichtige Liebeserklärung an ein Land, das gerade aus einem Traum erwacht und sich mit der harten Realität konfrontiert sieht. Ganz am Ende, ein aufgedunsener Elvis hat seinen letzten Las-Vegas-Auftritt hinter sich gebracht, klingeln die Spielautomaten, die Münzen prasseln, die Gegenwart hat Jarecki und seine Doku eingeholt. Die Casino-Würfel sind gefallen. Und das Radio verkündet: Donald Trump ist zum Präsidenten der USA gewählt worden. Das big business hat gesiegt.

"Elvis hat sich bei jeder Gelegenheit immer für das Geld entschieden", sagt Schauspieler Ethan Hawke einmal auf der Rückbank des Rolls-Royce. Das Leben des King als eine Metapher für Amerika. Ein großes demokratisches Versprechen, einerseits. Aber auch ein Opfer der Gier und des Kapitalismus. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, errichtet auf den Schultern von Sklaven.

The King - Elvis und der amerikanische Traum, ARD, Mittwoch, 22.45 Uhr

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