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TV-Serie "Nordkurve":Mord im Fanblock

Nordkurve (1/3)

Fußball ist hier Opium fürs Volk: Szene aus der Arte-Serie Nordkurve.

(Foto: © Séverine Brigeot)

Man muss Fußball nicht mögen, um diese Kurzserie gut zu finden: Mit "Nordkurve" ist Arte ein hervorragender Dreiteiler gelungen - über einen erstochenen Fan und ein französisches Städtchen, das den Abstieg längst hinter sich hat.

Von Ralf Wiegand

Fußball, so wie er bei uns im Fernsehen gefeiert wird, ist ein recht steriles Produkt. Die Stadien sind Multimedia-Arenen, oft ohne Seele, aber mit Chipkartenleser an der Würstchenbude, die Spieler entrückte Superstars, und das Publikum in den Fankurven liefert den Soundteppich für die Emotion. Echtes Leben geht anders. Man kennt die Geschichte von Liebe und Leidenschaft auf den eisern gegen die Kommerzwalze verteidigten Stehplätzen, aber man sieht sie nicht. Manchmal verirrt sich ein Tatort ins Fußballmilieu, dann spielt er mit den Klischees.

Die Kurzserie Nordkurve ist anders, und das Fußballstadion der nordfranzösischen Stadt Arcanville, einem fiktiven Ort, ist auch anders. Die Tribünen sind abenteuerliche Stahlrohrkonstruktionen, das Vereinsheim ist ein Ort von vorgestern, so geblieben, wie er immer war.

Fußball ist hier Opium fürs Volk

Zwischen den Rängen schimmert die Stadt hindurch, in der die Mannschaft, die in diesem Stadion spielt, alles bedeutet. Arcanville und der örtliche Fußballklub RC sind eins, fast nie scheint die Sonne, Möwen schreien im Nebel, sogar das Meer ist grau. Der Klub ist sportlich vom Abstieg bedroht, den die Stadt gesellschaftlich schon hinter sich zu haben scheint. Fußball ist hier Opium fürs Volk.

Es ist ein dichtes Milieu, in dem ein Mord passiert. Gerade, als die Mannschaft des RC Arcanville einen Elfmeter verwandelt, stirbt in der Nordkurve des Stadions ein Fan. Erstochen. Der Film beginnt.

Wer Fußball liebt, wird Tränen vergießen

Arte ist, um das mal vorwegzunehmen, ein hervorragender Dreiteiler gelungen, und der Sender zeigt alle Episoden hintereinander. Keine leichte Kost, und wer den Fußball liebt, jedenfalls das Trugbild davon, wird ein paar Tränen vergießen.

Der RC Arcanville trägt die Hoffnung von vielen Menschen in dem unwirtlichen Ort, sie lenken sich ab. Jeder kennt hier jeden, die Geschwister der Spieler stehen auf der Tribüne, die Töchter des Trainers sind Ermittlerin und Tatverdächtige in dem Mordfall. Man mag das weit hergeholt finden, aber Mathilde, die in der Auftaktszene des Films mit einem Messer in der Hand im Stadion aufgegriffen wird, sagt einmal: "Der RCA ist das einzige, was diese Stadt noch zusammenhält." Das trifft auch auf ihre Familie zu, deren Geschichte Nordkurve ebenfalls erzählt. Man muss Fußball übrigens überhaupt nicht mögen, um den Film anschauen zu können.

Mit fast skandinavischer Kühle

Düster, mit fast skandinavischer Kühle, erzählt der Film von Mathilde und der wirklich sehr schönen Alex, ihrer Schwester, die schon längst abgehauen war aus Arcanville. Sie ist Polizistin in Paris und kehrt nun zurück in ihre Heimatstadt, zunächst nur, um die Unschuld ihrer verhafteten Schwester zu beweisen und dann, um die Sache aufzuklären.

Nur ein Mord allein ist es nicht, der die Handlung trägt, natürlich steckt mehr dahinter. Das kleine Glück der Menschen, die paar Tore am Wochenende, mal ein Sieg, ist keine Selbstverständlichkeit. Es wird getrickst und manipuliert. Und die Helden auf dem Rasen haben dunkle Seiten. Das alles ist fein erzählt und von einem jungen Ensemble brillant gespielt. Wer Fußball liebt, darf hoffen, dass es ja eben nur ein Film ist.

Nordkurve, Arte, 12. Februar, drei Episoden ab 20.15 Uhr.

© SZ vom 12.02.2015/ebri

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