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TV-Kritik zu Maybrit Illner:AKP-Mann in der Opferrolle

Berlin ZDF Polit Talk Maybrit Illner Thema Erdogans Rache Ist die Türkei noch unser Partner Fot

Maybritt Illner mit ihren Gästen: Andreas Scheuer, Mustafa Yeneroğlu, Deniz Yücel und Michael Wolffsohn

(Foto: Metodi Popow/imago)

Im ZDF-Talk von Maybrit Illner streiten vier Erdoğan-Kritiker mit einem türkischen Abgeordneten. Man würde sich wünschen, dass das nicht nur im Fernsehen stattfindet.

TV-Kritik von Julia Ley

Sollte Maybrit Illner sich an diesem Abend vorgenommen haben, Langeweile um jeden Preis zu vermeiden, macht sie gleich zu Beginn vieles richtig. Sie lässt die beiden schärfsten Kontrahenten ihrer Runde aufeinander los. Deniz Yücel, Türkei-Korrespondent der Welt, und Mustafa Yeneroğlu, AKP-Abgeordneter, erzählen, wie sie die Putschnacht in der Türkei verbracht haben. Als Yücel schildert, wie ein aufgebrachter Mob im Namen der Demokratie auf Soldaten losging, die längst festgenommen waren, klebt Yeneroğlu schon fast an der Decke ("Sie machen Täter zu Opfern"). Yücel herrscht zurück: "Jetzt rede ich." Da sind zwei Minuten Sendezeit rum, der Ton ist gesetzt, die Spannung reißt danach kaum ab.

"Erdoğans Rache - ist die Türkei noch unser Partner?", lautet die Frage, die die Teilnehmer an diesem Abend in der ZDF-Talkshow diskutieren. Yücel und Yeneroğlu sind dabei die mit Abstand interessantesten Diskutanten. Yücel, weil er fundierte Beobachtungen und Hintergründe liefert; Yeneroğlu, weil er eine Türkei verkörpert, die den meisten Deutschen auch nach 14 Jahren AKP-Regierung reichlich fremd geblieben sein dürfte. Zumindest wenn seine Ansichten ("Erdoğans ist ein lupenreiner Demokrat") auch nur annähernd repräsentativ sind.

Angereichert wird ihr Duell mit den hörenswerten Beiträgen des Historikers Michael Wolffsohn. Mit viel Ruhe schafft er, es historische Parallelen zu ziehen, die die großen Linien hinter dem Wirrwarr der Tagespolitik erkennbar werden lassen. "Es ist das klassische Muster der Machtergreifung", sagt er etwa, verweist auf Deutschland 1933 und stellt eine Frage in den Raum, die bisher wenig Beachtung fand: Ob ein Putsch gerechtfertigt sein kann, wenn ein demokratisch gewählter Politiker nach der Alleinherrschaft greift? Man muss den Militärputsch nicht gleich wie Wolffsohn durch den Stauffenberg-Vergleich überhöhen, Erdoğan ist nicht Hitler, aber man kann sich fragen, woher wirksamer Widerstand in der Türkei heute eigentlich noch kommen soll.

"Nun droht die Diktatur"

Weniger griffig sind die Beiträge von Andreas Scheuer, CSU-Generalsekretär, und Sevim Dağdelen, Abgeordnete der Linken. Sie nutzen die Debatte vor allem dafür, all das noch einmal zu wiederholen, was sie ohnehin schon immer betont haben. "Jeder Militärputsch ist schlecht", sagt Dağdelen, und befürchtet: "Nun droht die Diktatur." Wirklich enervierend ist hingegen Scheuer, der fast schon roboterhaft zwei Parolen wiederholt: Keine Visaerleichterungen und kein EU-Beitritt für die Türkei - als stünde das noch wirklich zur Debatte. Als er Yeneroğlu dann noch über deutsche Diskussionskultur belehrt ("Hier geht man anders miteinander um"), ist eigentlich alles gesagt.

Doch all das verblasst neben der Unverfrorenheit, mit der Mustafa Yeneroğlu an diesem Abend Erdoğans Vorgehen rechtfertigt: Wie bei so vielen Verfahren die Rechtsstaatlichkeit noch gewährleistet werden könne? Alles kein Problem, die Richter seien natürlich unabhängig. Der Zustand der Pressefreiheit? Jeder könne in der Türkei alles sagen. Der Ausnahmezustand? Gebe es in Frankreich auch.

Allerdings ist das Mächteverhältnis an diesem Abend so unausgewogen, dass Yeneroğlus Opferrolle unnötige Legitimation erfährt. Weite Strecken der Diskussion sind kaum zu verstehen, weil vier Leute gleichzeitig auf ihn einbrüllen. Am Ende hinterlässt all die demonstrative Wut auch einen Beigeschmack: Man würde sich wünschen, dass die Bundesregierung ähnlich deutliche Worte findet wie diese Diskutanten. Stattdessen gibt es Streit im Abendfernsehen, es hat etwas von einer Ersatzhandlung. Als würde man der Wut hier ein Ventil bieten, das sich anderswo nicht findet.

Ist die Türkei noch unser Partner?

Auch die "Partnerschaft" mit der Türkei ist an diesem Abend eine sehr einseitige Sache. Ist die Türkei noch unser Partner? Die Antwort bleibt unklar. Irgendwie ja, weil wir sie nun mal brauchen, andererseits nein, weil sie unsere Werte nicht mehr teilt. Ob Deutschland der Türkei - insbesondere der liberalen Opposition in der Türkei - ein guter Partner war; diese Frage wird nie gestellt. Dabei könnte man fragen, ob der verzögerte EU-Beitrittsprozess nicht auch eine vertane Chance war, die demokratischen Kräfte im Land zu stärken. Und ob man mit dem Schweigen jetzt nicht gerade jenen in den Rücken fällt, die unter Lebensgefahr für eine demokratische Türkei kämpfen.

Erst ganz am Ende poppt das Thema dann doch noch auf. "Die Bundesregierung hat die liberalen Kräfte in der Türkei verraten", sagt Yücel - mit der Ablehnung des EU-Beitrittsprozesses 2005, und indem Merkel Erdoğans Stil direkt vor der Wahl mit einem Staatsbesuch legitimierte. Bleibt zu hoffen, dass sich diese Tradition nicht fortsetzt.

© SZ.de/mikö

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