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TV-Kritik: Kuppel-Shows:Am Ende bleibt nur Fassungslosigkeit

"Schwer verliebt", "Großstadtliebe", "Liebes-Alarm": Mit gleich drei neuen Kuppel-Shows wollen RTL und Sat 1 an den Erfolg von "Bauer sucht Frau" anknüpfen, unter anderem mit Dicken und schwer Vermittelbaren. Auf Kosten der Kandidaten? Eine kleine Nachtkritik zum liebestollen Sonntagabend.

Die 27-jährige Sarah sammelt Barbiepuppen, 160 hat sie schon. Sie sitzen dekorativ auf der Sofalehne, wo gerade auch Dirk und Bernd Platz genommen haben, um von Sarahs Herzkuchen zu probieren und an Cola aus "Muttis besten Tassen" zu nippen. Sarah hat sich zu ihren Barbies Biographien ausgedacht und Skizzen davon angefertigt, wie und in welcher Lieblingsstellung sie Sex miteinander haben. Die Sehnsüchte, die sie auf ihre Puppen überträgt, würde sie nun gerne an ihren beiden Wunschkandidaten Dirk und Bernd ausprobieren, "wenn die dazu Lust haben sollten", näselt Sarah strahlend in die Kamera.

Liebesalarm: Amor trifft Sat.1 und RTL - Schwer Verliebt & Großstadtliebe

Die neuen Fernsehkupplerinnen: Miriam Pielhau (links) und Britt Hagedorn spielen Amor auf RTL und Sat 1.

(Foto: dpa)

Das ist kein schlechter Scherz, sondern eine neue Sendung. Sie heißt "Schwer verliebt", wird von Dauer-Talkerin Britt Hagedorn moderiert und ist Teil einer Großoffensive von Sat 1 und RTL, die den Sonntagabend in eine Kuppel-Gemeinschaft verwandelt haben. Seit dem gestrigen Sonntag laufen in Folge und nebeneinander erst "Liebes-Alarm" auf Sat 1 (18 Uhr) und dann in Konkurrenz zueinander "Schwer verliebt" (Sat 1, 19 Uhr) und "Großstadtliebe" (RTL, 19:05 Uhr).

Am offensichtlichsten kopiert die Sat-1-Reihe "Schwer verliebt" den RTL-Quotenerfolg "Bauer sucht Frau". Abgekupfert sind nicht nur das Konzept (schwer Vermittelbare suchen Lebenspartner), sondern auch die Durchführung (Kandidaten werden in ihrem persönlichen Umfeld gefilmt, ein bis zwei Bewerber sollen eine Woche mit dem Wunschpartner zu Hause verbringen) und sogar die Sprache: Die Protagonisten werden als "fröhlicher Flötenspieler", "schüchterner Hundefreund", "einsamer Kirchgänger" oder "romantische Regalservicekraft" beworben. Also alles wie bei RTL, inklusive kaum versteckter Häme, nur ohne Landluft.

Ganz ohne Landluft kommt indes auch RTLs neue Kuppelshow aus: "Großstadtliebe". Die ehemalige Radiomoderatorin Miriam Pielhau wurde zum Showgesicht auserkoren; sie soll Großstadtbewohnern aus München, Köln, Berlin oder Hamburg bei der Suche nach der Liebe ihres Lebens behilflich sein.

Dabei kommt sie den Suchenden zwar mit Gesicht und Oberkörper unangenehm nahe, beschränkt sich aber ansonsten darauf, Plakate und Flyer mit dem Kandidaten-Konterfei drucken zu lassen, damit die Liebeshungrigen wie auf Wahlplakaten in der jeweiligen Stadt nicht nur für sich, sondern auch gleich öffentlichkeitswirksam für die neue Sendung werben.

Lahmer Abklatsch von "Nur die Liebe zählt"

Nicht nur die Moderatorin wirkt wie eine weibliche Kopie von Kai Pflaume, auch die Sendung erinnert an die jahrelange Liebessuche des Kollegen von Sat 1: Selbst die Bewerbungsvideos aus "Nur die Liebe zählt" wurden übernommen, genau wie die staatstragende und leicht melancholische Grundstimmung, die wohl Platz für die ganz großen Gefühle schaffen soll, beim Zuschauer aber eher ein schlichtes Gefühl der Langeweile und des Mitleids hinterlässt.

Als ob ernstgemeinte Partnersuche ein Akt des Bedauerns um verlorene Lebenszeit und schnellstmögliche Abhilfe um jeden Preis sein müsste. Erstaunlicherweise ist ausgerechnet RTL an diesem Abend aber noch auf der einigermaßen seriösen Spur, was man von Sat 1 nicht behaupten kann.

Den Boden aus dem Fass schlägt noch vor der Bauer-sucht-Frau-Kopie "Schwer verliebt" die Sat-1-Sendung "Liebesalarm", denn die hat es wirklich in sich: In der ersten Folge reist die 56-jährige "Uschi" zur ihrer 23-jährigen Internetbekanntschaft "Julio" nach Peru, um zu prüfen, ob seine Liebesbekundungen echt sind. Im Gepäck: Die meckernde Tochter Yvonne, 33, - und das Kamerateam von Sat 1.

Massenverrohung im Vorabendprogramm

Hier vollzieht sich wie aus dem Lehrbuch das perfide Spiel, das die privaten Sender oft genug mit ihren Zuschauern und Protagonisten treiben: Schwarzweißstory geht mit mühevoll versteckter Häme auf ihre Protagonisten los. Es geht ums Ekeln, ums Empören und schließlich ums tränenreiche Versöhnen, sprich: Um möglichst alle Formen der emotionalen Betroffenheit.

Der Inhalt in Kurzform: Uschi darf sich in der sogenannten "Help-Doku" nicht nur von ihrer Tochter und ihrer besten Freundin ohne Ende für ihr Verhältnis zu ihrem jüngeren Lover beschimpfen und sich als alt, fett, dumm und hässlich niedermachen lassen, sie muss auch noch ständig in Bikini, Negligé oder Unterwäsche entblößt durchs Bild rennen, obwohl sie selbst weiß, dass sie wahrlich keine Schönheit ist.

Am Ende aber heiratet sie ihren Lover, und angeblich sind plötzlich alle froh.

Was dem Zuschauer bleibt, ist Fassungslosigkeit.

Und das unangenehme Gefühl, einer ganz miesen Finte aufgesessen zu sein - zugunsten unschöner Bilder und heftiger Gefühlsregungen eher negativer Natur.

Selig die Zeiten, als Kuppelversuche im Fernsehen noch "Herzblatt" hießen und ihren Kandidaten ein ebensolches zwar ernstgemeint aber einigermaßen intelligent gewitzt und gutgelaunt präsentierten. In Zeiten von "Bauer sucht Frau" und dessen Nachfolgern gewinnt der Zuschauer eher den Eindruck, möglichst unangenehme Protagonisten würden auf möglichst skurrile Gegenentwürfe losgelassen und damit der ungebremsten und medial wiederverwertbaren Lächerlichkeit preisgegeben. Damit das Publikum was zu lachen hat - und sich tüchtig gruseln darf.

Warum sonst sollten Protagonisten ständig halbnackt durch die Gegend rennen, sich in unvorteilhaften Lebenssituationen zeigen und mit heruntergelassenen Hosen auf der Toilette gefilmt werden?

In Zeiten von Scripted Reality kann kein Mensch mehr unterscheiden, was echt und was falsch ist, wer wirklich sucht und wer aus welchen Gründen gecastet wurde, klar ist nur: Das was draufsteht, nämlich zielgerichtete Partnervermittlung, ist das alles nicht. Sat 1 zeigt mit zwei unsäglichen neuen Trash-Formaten, dass es weder sein Publikum noch seine Protagonisten ernst nimmt. Dafür hält sich zumindest RTL diesmal mit seinem langweiligen Konkurrenz-Abklatsch etwas zurück. Beide Sender kopieren den jeweiligen Quotenerfolg des anderen in Liebesdingen unter denkbar schlechten Voraussetzungen.

Sollte uns das nicht alles egal sein, werfen Kritiker der TV-Kritik immer wieder in die Runde, sollen die Millionen von Zuschauern sich doch seicht unterhalten fühlen und ansonsten nicht zu viel darüber nachdenken, was ihnen da aus welchem Grund in welcher Form serviert wird? Eben nicht: Man darf nicht müde werden, zu betonen, dass wir so etwas im Fernsehen nicht sehen wollen, wenn wir nicht wollen, dass unsere Sitten unterschwellig verrohen.

Kleinen Kindern wird schon auf dem Schulhof beigebracht, dass sie minderbemittelte oder hässliche Mitschüler nicht verlachen dürfen - aber hier, im öffentlichkeitswirksamen Vorabendprogramm, werden ohne Unterlass reihenweise Mitbürger verheizt, die eigentlich unseren Schutz verdient hätten.

Wo ist die Aufsicht, die dieses grassierende unverantwortliche Abgrasen von Sendungsuntauglichen zur Räson bringt?

Niemand in Sicht, nirgends.