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TV-Kritik: Hart aber fair:Untersuchen, bis der Arzt kommt

Vorsorge macht krank: Bei Frank Plasberg diskutierten Arzt, Krebspatient und Medizinkritiker über Früherkennung. Wie war das noch mal mit der Prostata?

Lilith Volkert

Ein Mittel, das die Anzahl der Krebserkrankungen flugs um ein Viertel senkt? Ganz einfach, sagt der Medizinjournalist Bert Ehgarten und spekuliert schon mal auf den Medizin-Nobelpreis: Man müsse nur mit den Vorsorgeuntersuchungen für Prostata- und Brustkrebs aufhören. Sofort würden deutlich weniger gesunde Menschen fälschlicherweise die Diagnose Krebs gestellt bekommen.

'Hart aber fair' - Frank Plasberg

Zu Gast bei Frank Plasberg waren dieses Mal unter anderem der Medizinjournalist Bert Ehgarten und die Schauspielerin Marion Kracht. 

(Foto: dpa)

Mal provokant, mal philosophisch und oft getragen von persönlichem Erleben diskutierten Frank Plasbergs Gäste in der ARD die Frage, was medizinische Vorsorge bringt. Ist sie nützlich, überflüssig - oder sogar schädlich, wie Buchautor Ehgarten behauptet?

Als bei Michael Roth im vergangenen Jahr Prostatakrebs diagnostiziert wurde, entschied er sich sofort zur Operation. Heute geht es dem ehemaligen Handball-Nationalspieler wieder gut, zuammen mit seinem ebenfalls erkrankten und geheilten Zwillingsbruder hat er das Buch Unser Leben, unsere Krankheit geschrieben. Wenig überraschend: Roth ist für eine regelmäßige Vorsorgeuntersuchung für Männer ab 40.

Auch Otmar Wiestler vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg möchte gerne jede Möglichkeit nutzen, um Krankheiten schon in einem frühen Stadium zu entdecken: "Viele Krankheiten, etwa Krebs und Alzheimer, erkennt man erst, wenn etwas irreparabel kaputt ist." Und dann sei es oft schon zu spät.

Peter Sawicki, der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, zeigt hingegen Verständnis für jene, die ihren Körper nicht bis in den letzten Winkel ausleuchten lassen wollen, sondern lieber in sorglosem Nichtwissen verharren. Durch die nicht zu vernachlässigende Zahl von Falschdiagnosen würden viele Menschen unnötig in Angst versetzt. "Auch wenn man den wirklich Kranken hilft - wiegt das den Schaden auf, der anderen angetan wird?" fragt Sawicki.

Der Erfolg breitgestreuter Vorsorgeuntersuchungen ist tatsächlich sehr überschaubar, das zeigen internationale Studien. In Dänemark hat man herausgefunden, dass nur eine von 2000 Frauen, die regelmäßig zum Brust-Screening gehen, damit auch Hilfe findet. Zehn andere würden fälschlicherweise zu Krebspatientinnen. Dass jede noch so überzeugende Statistik neben einem berührenden Einzelfall ganz schön blass aussieht, ist eine andere Sache. "So viel Aufwand für so wenige Treffer? Wenn man so argumentiert, dann könnte man auch den Sicherheitscheck am Flughafen abschaffen: So viel Aufwand für so wenige Terroristen!", wird eine Zuschauerin zitiert.

Moderator Plasberg hinterfragt kritisch einzelne Diagnosemethoden. Bei dem gängigen PSA-Test etwa wird Blut auf ein bestimmtes Eiweiß untersucht, bei einem erhöhten Wert vermutet man Prostatakrebs - obwohl der Zusammenhang laut Bundesgesundheitsministerium bisher noch nicht wissenschaftlich nachgewiesen wurde. Michael Roth muss dem Moderator auch genau erklären, wie die als besonders unangenehm verschriene Prostata-Untersuchung abläuft ("Was bedeutet das: kein Tastergebnis?") und, ja, man könne nach der Operation auch wieder Sex haben.

Das Los der Privatpatienten

Die Schauspielerin Marion Kracht macht schließlich darauf aufmerksam, dass Ärzte bei zusätzlichen Leistungen gut dazuverdienen. "Das machen wir bei Privatpatienten ganz gerne", war ihrer Arzthelferin herausgerutscht, als sie Kracht im fünften Schwangerschaftsmonat ohne konkreten Anlass an den Wehenschreiber anschloss.

Trotz solcher Vorlagen wird die Diskussion nie polemisch oder aufgeregt, selbst als Krebsforscher Wiestler allgemeine Gentests fordert, um gesundheitliche Risiken früh erkennen zu können, sorgt das nicht für erhitzte Gemüter. Ruhig einigt man sich darauf, dass die Ärzte ausführlich und wahrheitsgemäß über die Chancen und Risiken von Vorsorgeuntersuchungen informieren müssen - und dann jeder Patient für sich selbst entscheiden soll.

"Eines müssen wir einfach akzeptieren", sagt Peter Sawicki gelassen. "Wir werden letztlich alle sterben. Wenn nicht an der einen Krankheit, dann an der anderen."

© (sueddeutsche.de)/jja
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