TV-Kritik "Hart aber fair" "Meinen Mann und mich wird das ein Leben lang begleiten"

Frank Plasberg und seine Gäste: Joachim Herrmann, Marcus da Gloria Martins, Christian Pfeiffer, Annette Ramelsberger und Björn Staschen (von links)

(Foto: ©WDR/Oliver Ziebe)

Was macht es mit uns, wenn eine Bluttat auf die nächste folgt? Frank Plasberg lädt nach dem Amoklauf von München zu einer Ausgabe "Hart aber fair", die bei den Gästen echte Betroffenheit auslöst.

TV-Kritik von Paul Katzenberger

Die erste Frau des Landes hat ohne Zweifel recht, doch das macht es nicht besser: "Immer sind es Orte, an denen jeder von uns hätte sein können. So kann ich jeden verstehen, der heute mit Beklommenheit auf eine Menschenmenge zugeht", sagte Angela Merkel nach dem Amoklauf von München, der nur wenige Tage nach den Bluttaten von Nizza und Würzburg zehn weitere Menschenleben forderte.

In den schweren Stunden nach dem Amoklauf sagte auch der bayerische Regierungschef Horst Seehofer etwas Zutreffendes, wenngleich es sich ganz anders anhörte als Merkels Aussage : "Unsicherheit und Angst dürfen nicht die Oberhand gewinnen", sagte er. "Wir müssen unser Leben und unsere Werte weiterleben."

Plasberg unterbricht seine Sommerpause

Beide Aspekte zusammenzubringen - die verständliche Angst, von der Merkel sprach und Seehofers Aufforderung, sich nicht lähmen zu lassen von der Bedrohung -, das war die Aufgabe, vor der die Talkrunde Hart aber fair extra stand, unter dem Titel: "Amok in Zeiten des Terrors - wie verändert die Angst das Land?", für die Frank Plasberg seine Sommerpause unterbrach.

Es gelang im Großen und Ganzen, was vor dem Hintergrund des noch frischen Eindrucks der schrecklichen Tat am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) mehr ist, als erwartet werden durfte. Von dem Sprengsatz, der später im mittelfränkischen Ansbach explodieren würde, wusste die Runde freilich noch nichts.

Der Münchner Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins etwa, der für seine Öffentlichkeitsarbeit der vergangenen Tage viel Lob bekam, zeigte auf, wie der Schaden bei einer akuten Alarmsituation wie der in München durch sinnvolle Polizeiarbeit begrenzt werden kann. "Wenn Sie feststellen, dass Menschen plötzlich grundlos zu rennen anfangen, dann spätestens merken Sie, dass Sie nicht nur gerade am Telefon die Information gehört haben, dass am OEZ etwas Schlimmes passiert ist, sondern dass das tief in den Köpfen der Menschen um sie herum angekommen ist."

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Diese große Wand an Gerüchten, Meinungen, Stimmungen und vor allen Dingen Ängsten könne die Polizei nur überwinden, indem sie eine klare Sachbotschaft in die Ohren der Bevölkerung bringe: "Wir haben's im Griff. Wenn Sie dabei übertönt werden, dann haben Sie ein Problem."

Wie schaffte es die Polizei aber, während der Panik, die in München am Freitagabend ausbrach, nicht übertönt zu werden? Angesichts einer Gerüchteküche, die ganz gewaltig brodelte, erscheint das fast wie ein Wunder.

4310 Notrufe gingen bei Polizei innerhalb von sechs Stunden ein. Da wurde auf Twitter massenweise die Nachricht verbreitet, dass am Stachus zwei bis drei Schüsse gefallen seien, die niemals abgegeben wurden. Später hieß es, in Brauhäusern sei geschossen worden - Menschen flohen panisch durch die Fenster. Wie sich herausstellte: alles Falschmeldungen, verbreitet auf Youtube, Twitter, Facebook und Co.

2300 Polizeibeamte - "eine wahnsinnig sagenhafte Zahl"

Gloria Martins dazu: "Die eigentliche Kernleistung bei uns bestand darin, dass wir innerhalb weniger Stunden - und das ist eine wahnsinnig sagenhafte Zahl - 2300 Polizeibeamte in eine Stadt reinbekommen haben. Das zeigt, wie reaktionsstark wir sind. Diese 2300 Polizeibeamte hätten es geschafft, 20 gemeldete Sachverhalte - von Schüssen über Geiselnahmen in einem Fitnessstudio und in einem Kino bis hin zu allen möglichen verdächtigen Wahrnehmungen - innerhalb kurzer Zeit aufzuklären und zu dementieren.

Chapeau! Es gibt tatsächlich noch Kräfte, die gegen den Irrsinn unserer Zeit ankommen, den in der Runde auch der NDR-Reporter Björn Staschen anprangerte: "Jeder kann heutzutage Massenmedium sein. Und wenn ich mir überlege, dass ich das nicht nur im Wort mache, sondern auch im Bild und jetzt auch für jeden möglich im Live-Bild, dann mache ich mir schon Sorgen."

So habe etwa der Polizistenmörder von Magnanville vom Tatort, an dem er zuvor zwei Polizisten getötet habe, nach der Tat live gestreamt. Staschen weiter: "Jeder kann heute streamen, auch ein Attentäter. Und ich frage mich, ob diejenigen, die damit Geld verdienen, nämlich Twitter und Facebook, ob die eigentlich genug investieren, um zu gucken, was auf den Seiten abrufbar ist. Denn wir machen das ja beim Rundfunk, wir haben eine Aufsicht und Gremien, die gucken, was wir machen."