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TV-Kritik: Anne Will:Lasst uns mal "Kante beweisen"!

Anne Will und ihr Demokratielabor: In ihrer TV-Talkrunde zu Politik und Volk schwankten die Probanden zwischen Anarchie und Konsensdemokratie. CSU-Mann Söder kritisiert Medien - und Publizist Baring erregt sich.

Lena Jakat

Der ältere Herr hat rot gefärbte Wangen. Erregt fuchtelt er in der Luft über seinem Kopf herum, dort, wo er die hohe Politik vermutet. Arnulf Baring ist mal wieder da, mit seinen großen Gesten im sonntäglichen Debattiersalon der ARD.

Volksfest Gillamoos - Söder

Beim politischen Gillamoos-Frühschoppen in Niederbayern hatte sich Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) warm geredet, bei Anne Will legte er nach.

(Foto: dpa)

Anne will's wieder einmal wissen. Diesmal: "Regiert die Politik am Volk vorbei?". Dass dem zumindest ein bisschen so ist, sind sich die Gäste sicher - sogar die anwesenden Politiker. Am sichersten ist sich natürlich Arnulf Baring.

Der Publizist und Professor der Politikwissenschaft gab der Sendung schließlich ihren Titel: "Bürger auf die Barrikaden" überschrieb Baring 2002 eine vielbeachteten Artikel in der Frankfurter Allgemeinen. Das übernimmt Anne Will für ihre Runde. Darüber, woher der wachsende Unmut in der Bevölkerung kommt, sollte sie diskutieren, darüber, warum sich Politik und Volk oft so fern sind im "weichgespülten konsensverliebten Deutschland", wie Anne Will es in ihrer Anmoderation formuliert.

Die sachliche Diskussion, der Diskurs als Mustermittel der Demokratie, mustergültig vorgeführt im ARD-Studio am Sonntagabend. Das hätte aus dem Gespräch werden können, wäre nicht alles doch so gekommen wie es in der wirklichen Politik nun einmal auch ist: Eine Übungseinheit in Meinungsbehauptung und Schuldzuweisung.

Publizist Baring gab den Bundespolitikern die Schuld für die Kluft zwischen Wählern und Gewählten. Das Thema der politischen Entfremdung erregte ihn so sehr, wie es dieser trockene sozialwissenschaftliche Terminus nie vermuten lassen würde. Die Bundespolitik ist vertreten durch den bayerischen Gesundheitsminister Markus Söder (CSU), der brav für CDU-Kollegen Angela Merkel, Stefan Mappus und Co. in die Bresche springt.

Er wendet einen populären Trick an und schiebt den Schwarzen Peter weiter an die Medien: "Die vereinfachen so, dass man nicht mehr diskutieren kann", so der Franke mit dem buddhistischen Lächeln. "Wenn ich einmal mit dem von mir persönlich sehr geschätzten Bundesgesundheitsminister spreche, wird das immer gleich zum persönlichen Streit erhoben." Da muss Söder wahrscheinlich innerlich selbst über die so geschilderte Beziehung zu Philipp Rösler von der FDP lachen.

Volksnähe oder Populismus?

Die Medien werden in Wills Demokratie-Labor vertreten durch Zeit-Hauptstadtkorrespondentin Elisabeth Niejahr. Die Bürger wiederum sind vertreten durch Stuttgart-21-Gegner und Schauspieler Walter Sittler. Beide wollen Söders Anwürfe nicht auf sich sitzen lassen und spielen zurück zu den Parteien. "Die Politik besitzt weniger Problemlösungskompetenz als früher", sagt Niejahr. "Es herrscht eine große Verwechslung von Volksnähe und Populismus." Der Wissenschaftler Baring wiederum will keine Partei unbeladen wissen und jubelt denn auch dem Volk einen Teil der Schuld unter: "Die Bürger werden immer sehr spät erst wach."

Die Pausen dieser munteren "Ich-war's-nicht"-Partie geben dem Aktivisten Sittler Gelegenheit über "Gleisvorfelder" und "Kapazitätsberechnungen" von Stuttgart 21 zu dozieren und Baring die Luft, gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel zu schießen. "Das geht nicht, das geht nicht, das geht nicht", empört er sich. Gemeint war das Verhalten von Merkel in der Causa Thilo Sarrazin: Sie habe einem wohlverdienten Bundesbeamten "die Ehre abgeschnitten", die Bundesbank beschädigt mit ihrer Einmischung und das Bundespräsidialamt gleich mit dazu, zürnt der ehemalige Bundespräsidialamtsmitarbeiter. Und das nur wenige Tage bevor sie dem nicht unumstrittenen Karikaturisten Kurt Westergaard einen Preis verliehen habe. "Der Kanzlerin muss man mal heimleuchten."

Zu seinem anschließenden tiefen Atemzug schweigen die anderen Studiogäste fast abwartend und in Sorge um den Blutdruck des 78-Jährigen. Als der weiterpoltert, fallen ihm Söder und Will erleichtert ins Wort. Statt über Angela Merkel spricht man angesichts des Erregungspotentials dann doch lieber über "Steherqualitäten", wie Niejahr es nannte oder "Kante beweisen", wie Peter Struck (SPD) das nennt. Der alte Bundestag-Haudegen brummt ab und an etwas in die Runde.

So kann dann in Wills bisweilen anarchischer Mini-Republik doch ein Exempel für die Konsensdemokratie statuiert werden. Rückgrat, Standhaftigkeit, alles nach dem Motto "Führen heißt Verantwortung übernehmen", das sei eine erstrebenswerte und leider viel zu seltene Politikereigenschaft, einigten sich Volk, Politik und Medien.

Mensch, Struck, einsame Klasse

Baring lobt Struck als Muster dieser aussterbenden Gattung und hebt zum Loblied auf dessen Memoiren an, was dem so Geschmeichelten prompt ein seltenes Grinsen entlockte: "Ich freu mich über jeden, der für mein Buch Reklame macht." Will lässt den "Spitzenpolitiker" Struck dann auch noch von den Ratschlägen seiner Eltern - einer Kioskbesitzerin und einem Schlosser - berichten: "Wenn du was machst, dann mach es ordentlich."

Das also ist das Geheimrezept für bleibende Bodenhaftung in der abgehobenen Politik.

Gemeinsam mit Struck schwelgen Zeit-Journalistin Niejahr und Wissenschaftler Baring im Respekt für den ideellen Vater von Strucks Rückgrat: Helmut Schmidt. Die Talkgesellschaft lässt sich mitreißen von der nostalgischen Erinnerung an damals. Damals, als Schmidt noch Bundeskanzler war und den Nato-Doppelbeschluss durchsetzte - gegen den Willen des Abgeordneten Peter Struck, gegen den seiner Partei und wohl auch gegen den des Volkes.

Es ist nicht immer so einfach, das mit dem Volk in der Demokratie.

© sueddeutsche.de/jja/berr

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