TV-Dokumentation über Leben in Israel Lücken wird es geben und Brüche

Gefilmt wird auf vermintem Terrain, und neu sind die Anwürfe und Drohungen nicht, denn schon im vorigen September musste der fest geplante Drehtag abgesagt und das ganze Projekt auf Eis gelegt werden. Doch in der Zwischenzeit, so beteuern die Produzenten, hätten sie alles getan, um die palästinensischen Bedenken auszuräumen: Es gibt kein israelisches Geld mehr in dem Projekt, es gibt exakt so viele palästinensische Filmteams wie israelische, und vor ein paar Tagen ist Kufus sogar noch eigens nach Ramallah gefahren, um sich vom PLO-Generalsekretär ein Unterstützungsschreiben zu holen. Genutzt hat das alles nichts. "Das ist jetzt ein inner-palästinensischer Machtkampf", sagt Kufus, "und das Projekt wird instrumentalisiert." Willkommen also im Alltag von Jerusalem.

Ein paar der palästinensischen Protagonisten sind ausgestiegen, manche fürchteten gar um ihr Leben, ein paar andere müssen später nachgedreht werden.

Mahdi Abdul Hadi aber hat sich nicht bange machen lassen - er will vielmehr die Gelegenheit nutzen, die palästinensische Sicht möglichst breit in den 24-Stunden- Film zu bringen. Deshalb fährt er mit dem Filmteam quer durch die Stadt, die so viele Welten in sich vereint, vorbei an Moscheen, Kirchen und Synagogen, und landet schließlich an seinem alten Haus, aus dem er selbst vor sechs Jahren hinausgeworfen wurde. Direkt vor seiner Toreinfahrt hatten die Israelis jene Betonmauer hochgezogen, die Jerusalem vom Westjordanland trennen soll. "Ich konnte mein eigenes Haus nicht mehr betreten und musste umziehen", ruft er, "plötzlich fühlst du dich wie ein Flüchtling in der eigenen Stadt." Vor 69 Jahren ist er in Jerusalem geboren, und vertreiben lassen will er sich nicht.

Zu seiner Überraschung aber ist der Zugang zum Haus seit kurzem wieder frei. Die Mauer vor dem Tor wurde eingerissen und direkt hinter dem Haus wieder aufgebaut. "Keiner weiß, warum sie verlegt wurde, das wird nach Stimmung entschieden", sagt er. Nun möchte er möglichst bald wieder einziehen. "Es ist ein Risiko", spricht er in die Kamera, "aber wenn wir kein Risiko eingehen, wie sollen wir dann hier leben?"

Vor den Nazis aus Berlin geflüchtet

Auf der anderen Seite der Stadt, fern von der Mauer und fern von diesem Konflikt, lebt Ruth Bach. 90 Jahre ist sie alt, aufgewachsen in Berlin und geflüchtet vor den Nazis. Seit 73 Jahren lebt sie in derselben Wohnung im wunderschönen Rehavia- Viertel, von hier ist sie zur Arbeit gegangen als Sekretärin des legendären Bürgermeisters Teddy Kollek. Das Filmteam um die Regisseurin Regina Schilling begleitet sie durch den Tag bis in die späten Abendstunden, wenn sie nicht einschlafen kann und durch ihren Fernseher in die Welt da draußen blickt.

Am Nachmittag kommt wie so oft ihr Bruder zu Besuch. Es ist Gabriel Bach, der berühmt ist, weil er vor mehr als 50 Jahren einer der Ankläger im Prozess gegen Adolf Eichmann war. Die beiden sitzen im Wohnzimmer und reden von früher, von den Ferien in der Schweiz, von den Gräuel der Nazis, von den Anfängen in Jerusalem. Nur von der heutigen Politik, da möchten sie nicht sprechen. Es ballt sich so viel Geschichte an diesem Ort, wie soll da noch Platz sein für die Gegenwart. "Ich bin überzeugt, dass es am Schluss zum Frieden kommen wird", sagt Gabriel Bach knapp. Dann vertieft er sich ins Schachspiel mit seiner Schwester.

Mahdi Abdul Hadi auf seinem Weg zwischen zwei Wohnungen, und Ruth Bach mit ihrem Bruder auf der Wohnzimmercouch - zwei Einblicke ins Jerusalemer Leben sind das, die jeweils ein Mosaiksteinchen bilden für das Porträt dieser Stadt. Ein Jahr Arbeit im Schneidraum liegt nun vor den Filmemachern, doch es wird kein glattes Mosaik herauskommen, in dem die Steine alle aneinanderpassen. Lücken wird es geben und Brüche, harte und spitze Kanten. Denn so ist das Leben an jedem einzelnen Tag in Jerusalem.