Türkische Gameshow zu #occupygezi Ernstes Spiel

Bisher sorgte die türkische Gameshow "The World Games" für kurzweilige Unterhaltung am Abend, doch jetzt widmete sie sich auf subtile Weise einem ernsten Thema: den Protesten am Taksim-Platz. Mit weitreichenden Folgen.

Auf dem Taksim-Platz protestierten tausende Menschen, die türkische Polizei ging gegen die meist friedlichen Demonstranten mit Pfefferspray und Tränengas vor. Und womit berieselte der TV-Sender CNN Türk sein Publikum? Mit kleinen Pinguinen, die durch die Antarktis watscheln.

Bedeutende türkische Nachrichtensender hätten die Aufstände rund um den Gezi-Park in Istanbul viel zu lange verschwiegen, lautet die Kritik der Protestbewegung. Von Zensur ist die Rede. Auf den Titelseiten der nationalen Medien finden die Proteste nicht statt. Die Türken sind enttäuscht, misstrauen ihren landeseigenen Fernseh- und Radioanstalten zutiefst, verlassen sich lieber auf soziale Netzwerke und Blogs. "Die Medien haben sich verkauft", schreien Protestierende vor dem NTV-Büro.

Ungewöhnliche Wege, um die Öffentlichkeit über die Vorgänge am Taksim-Platz aufzuklären, ging jetzt eine Gameshow: Bei The Word Game müssen Kandidaten Worte zu Umschreibungen bilden. Alle 70 Antworten des Spiels, das am vergangenen Montag live bei Bloomberg TV ausgestrahlt wurde, drehten sich um die Occupygezi-Proteste in der Türkei.

Harmlos schienen die Umschreibungen, erst auf den zweiten Blick offenbarte sich der tiefere Sinn. Beispiel: "Eine Fahrt, die unternommen wird, um Spaß zu haben, etwas anzuschauen". Die Antwort: "Gezi". Das kann mit "Reise" übersetzt werden, wörtlich bedeutet es jedoch soviel wie "Spaziergeh-Park". Viel wichtiger aber ist, dass "Gezi" auch der Name des Parks ist, der zum Symbol für den regierungskritischen Widerstand in der Türkei geworden ist.

Weitere gesuchte Umschreibungen in der Show waren "Twitter", "Vandalismus", "Protestmarsch", "Freiheit", Solidarität" und "Diktator". Die letzten beiden gesuchten Antworten aus der Show: "Rücktritt" und "Entschuldigung".

Die Vermutung liegt nahe, dass das ein subtiler Hinweis an den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan sein könnte. Der Premier hatte mit brutaler Polizeigewalt gegen Demonstranten vorgehen lassen.

Vor der Game-Show, die auf einem privaten Sender ausgestrahlt wurde, machte die staatliche Zensur ebenfalls nicht Halt. So hieß es in einem Bericht der New York Times, dass der Sender gezwungen worden sei, seit der Show vom Montag statt dem Live-Format aufgezeichnete Wiederholungen zu senden. Der Moderator bezeichnet seine momentane Situation nach einem Bericht der türkischen Zeitung Hürriyet als "kompliziert".

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