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Trumps Triumph:US-Medien nach der Wahl: "Weniger prognostizieren, mehr verstehen"

Brooke Gladstone

Die Medienjournalistin Brooke Gladstone.

(Foto: oH)

Die angesehene Medienjournalistin Brooke Gladstone über die Lehren aus der Trump-Wahl und Berichterstattung unter dem neuen Präsidenten.

Die Radiosendung On The Media gilt in den USA als legendär - und das nicht nur in Medienkreisen: Statt Klatsch und Tratsch aus der Branche beschäftigen sich die Moderatoren Brooke Gladstone und Bob Garfield intensiv damit, welchen Erzählmustern Medien folgen und welche Mythen sie verbreiten, welche Gefahren Presse- und Meinungsfreiheit drohen und welche Rolle Technologie im Medienwandel spielt.

Rund um die Trump-Wahl haben die Macher der Sendung die Wahl-Berichterstattung, aber auch ihre eigene Rolle analysiert. Brooke Gladstone im SZ-Gespräch über ...

... den größten Fehler der Medien: "Ich glaube, das zentrale Problem der Berichterstattung über die US-Wahl war, was die Journalistin Masha Gessen als 'fehlende Vorstellungskraft' bezeichnet hat. Journalisten der New York Times, des New Yorker oder des Atlantic haben potenzielle Trump-Wähler zwar ausführlich begleitet und ihre Sorgen und Gefühle irgendwann verstanden. Aber sie haben nicht den logischen Schluss daraus gezogen, dass Trump tatsächlich gewinnen kann.

In einem Wahlkampf neigen wir Medien dazu, Kandidaten einen bestimmten Rahmen zu verpassen. George W. Bush etwa galt als der etwas dumme Burschenschaftler. John Kerry als der elitäre Frankophile. Hillary Clinton als die Manipulatorin. Und sobald dieser Rahmen existiert, verlassen wir ihn selten. Über Donald Trump hieß es lange: Er ist ein Witz. Als er dann die Vorwahlen gewonnen hatte, änderte die Expertokratie ihre Meinung um 180 Grad, dann war Trump 'das Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen'. Diese Erkenntnis kam zu spät, außerdem hat kein Kandidat eine solche Darstellung verdient. Aber darin steckt auch, dass wir ihn nie in seiner Konkretheit ernst genommen haben, weil uns die Vorstellungskraft gefehlt hat."

... die Orientierung an Umfragen: "Wir sind hier in den USA sehr datenfokussiert, aber Daten verraten nicht alles. Genau wie in Europa werden Umfragen immer ungenauer, die Teilnehmerzahlen gehen nach unten. Wir bekommen durch sie kein klares Bild mehr, aber verlassen uns trotzdem immer stärker darauf. Die Zahl von Journalisten sinkt, die Geschäftsmodelle brechen weg und damit die Reise-Budgets, also ist es günstiger, sich auf Daten zu verlassen. Und hier in den USA sind Zahlen auch ein Schutz gegen den seit Jahrzehnten geäußerten Vorwurf, dass die US-Medienschaffenden nach links neigen.

Vielleicht sollten wir mehr Reporter rausschicken. Aber es ist schwer, den Puls Amerikas zu fühlen: Alles ist am Ende anekdotisch, du kannst 'die Wahrheit' nicht finden, weil du nicht jeden Bürger interviewen oder eine Umfrage mit ihm machen kannst. Vielleicht kommen wir aber langfristig dahin, dass wir weniger prognostizieren und mehr verstehen."

... die Veränderung des medialen Umfelds: "Die klassische 'Öffentlichkeit' ist kleiner geworden, weil wir nicht mehr wie früher alle die gleichen Medienangebote konsumieren. Wir brauchen keine gemeinsame Quelle für Informationen mehr, wenn andere genau unsere Vorlieben bedienen. Fast die Hälfte der Amerikaner bezieht Nachrichten über Facebook, das keinen algorithmischen Unterschied macht, ob eine Nachricht wahr oder falsch ist. Das war nicht die erste Wahl, in der Echokammern eine Rolle gespielt hat - aber die Rückzugsmöglichkeiten in unsere Informationsblasen werden von Mal zu Mal größer. Natürlich haben auch Medienmenschen ihre Blase, weshalb sie mit offenem Mund dastanden, als die Wahlergebnisse kamen.

Wenn wir aber sagen, die Medien hatten damit gerechnet, dass Trump verliert, und er hat gewonnen, ist das nicht die ganze Wahrheit. Hillary Clinton hat deutlich mehr Stimmen erhalten, es wurde nun schon zum zweiten Mal in diesem Jahrhundert ein Präsident gewählt, der nicht die meisten Wähler hatte. Es haben sich in den vergangenen Jahren auch andere Faktoren verändert - der Zuschnitt der Kongressbezirke zum Beispiel, durch den Republikaner häufig überrepräsentiert sind und dort in den Vorwahlen extremere Kandidaten gewinnen."

... Wege aus der Filterblase: "Wir müssen uns als Nachrichtenkonsumenten, aber natürlich auch als Journalisten, immer wieder fragen, ob wir an der Wahrheit interessiert sind oder an der Bestätigung unseres Weltbildes. Die Antwort wird fast immer Zweiteres sein, weil unser Gehirn programmiert ist, uns mit Dopamin zu belohnen, wenn etwas mit unserem Weltbild im Einklang ist - und weil es uns Angst macht, mit Tatsachen konfrontiert zu sein, die dem nicht entsprechen. Wir alle sind also süchtig nach Informationen, die unsere Weltsicht bestätigen. Aber ich glaube daran, dass sich mit den eigenen Erfahrungen auch das Weltbild verändert."

... Journalismus in der Trump-Ära: "Die wichtigste Aufgabe wird sein, nicht einfach den Erzählrahmen zu übernehmen, den der nächste Präsident vorgibt. Natürlich müssen wir die Fakten überprüfen, aber wir müssen das im Kontext einer größeren Realität verorten. Wir müssen gegen jemanden ankämpfen, der unsere Realität für seine eigenen Zwecke umschreiben möchte. Und ich mache mir Sorgen, dass unsere bisherigen Kriterien für eine gute Geschichte nicht ausreichen.

Wir sind es nicht gewohnt, Meta-Geschichten über einzelne Themen zu machen. Wir brauchen ein Vokabular und ein Verfahren, um die tägliche Empörung im großen Ganzen zu verorten, jeden Tag. Jeder Journalist muss einen umsichtigen Job machen, mit einem Teleskop und nicht mit einem Mikroskop auf die Dinge blicken, um diese neue Ära zu verstehen. Und das in einer Zeit, in der Trump-Vertreter öffentlich sagen, dass wir in einer postfaktischen Welt leben und deshalb die Funktion des Journalisten überflüssig ist."

... die Zukunft der Realität in den USA: "Ich glaube nicht, dass die USA völlig den Bezug zur Realität verloren haben. Was passiert ist, hat es noch nie gegeben. Aber das bedeutet nicht, dass es so für immer sein wird. In der Geschichte dieses Landes ging es immer hin und her. Wenn die Trump-Präsidentschaft ein Desaster werden sollte, werden die Menschen eine gemeinsame Realität suchen. Auch seine Wähler werden erkennen, dass das Leben in Trumpworld nicht die Vorzüge und Erleichterungen bringt, die sie wollten.

Es wird dann die Aufgabe der Parteien sein, ihnen wirklich Aufmerksamkeit zu schenken und keine leeren Versprechungen mehr zu machen. Ohne die leeren Versprechen beider Parteien hätte es Trump niemals gegeben. Wenn wir das weiterhin ignorieren, sind wir für die Folgen selbst verantwortlich."

© SZ.de/cag