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Neues Fußball-Magazin:"Im Stadion ist man gefühlserprobt"

Carmen Mayer

"Der Fußball und seine Rituale bieten ein gutes Forum, mit dem Tod umzugehen", findet Carmen Mayer.

(Foto: Marwi)

Die Trauerbegleiterin Carmen Mayer hat mit einem Team das Fanzine "Trauer und Fußball" herausgebracht. Im Interview erzählt sie, was beides miteinander zu tun hat.

Von Cornelius Pollmer

Carmen Mayer lebt in Berlin und arbeitet hauptberuflich als Trauerbegleiterin. Auf 64 Seiten ist in diesem Herbst das von ihr mitproduzierte Fanzine "Trauer und Fußball" erstmals erschienen. Ein Gespräch über das Stadion als Ort aller möglichen Gefühle, redaktionelle Arbeit am Tapeziertisch und die Kraft, die Fußball gerade in schweren Stunden geben kann.

SZ: Frau Mayer, Sie geben ein Fanzine über "Fußball und Trauer" heraus. Welche Trauer meinen Sie?

Carmen Mayer: Ich meine in erster Linie die Trauer um verstorbene Fans, Fußballerinnen und Fußballer, aber der Begriff ist ja noch vielfältiger. Wir trauern auch um den Verlust von Gesundheit oder den des Arbeitsplatzes, wir trauern nach Trennungen von wichtigen Menschen. Und im Stadion ist es generell so, dass dort alle Emotionen ihren Platz haben - Trauer, Freude und Leid, Schmerz, Hoffnung und Glück. Alles darf sein, alles ist erlaubt.

Warum ist gerade das Stadion so ein intensiver Ort für alle möglichen Emotionen?

Scheitern, Leid und Trauer sind im Stadion sichtbar, wir erleben sie dort sehr oft, im sonstigen Alltag sind sie aber nur selten zu sehen. Und wir erleben sie zusammen. Selbst wenn ich sehr einsam lebe, kann ich am Wochenende zum Fußball gehen und mich aufgehoben fühlen. Das Stadion ist also auch deswegen ein guter Ort für Trauer, weil wir es gewohnt sind, dort mit ihr umzugehen. Im Stadion ist man gefühlserprobt.

Wie merken Sie das bei Ihrer Arbeit für Ihr Projekt oder das Fanzine?

Sie können beobachten, dass Menschen viel häufiger weinen im Stadion. Und wenn ein Platz leer bleibt, weil jemand krank oder gestorben ist, dann kommt man automatisch ins Gespräch. Oder wenn jemand immer alleine kommt wie bei mir im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam, dann kommt man auch ins Gespräch.

Sie befassen sich aber auch außerhalb des Stadions mit diesem Thema.

Ich sammle alles, was zu diesem Komplex anfällt, von Zeitungsausschnitten bis zu Tweets, die ich finde. Mittlerweile habe ich hier daheim ganze Regale voll, aber es ist noch unklar, was damit passiert. Und ich halte auch Vorträge darüber, inwieweit Fußball eine Ressource in Zeiten von Trauer sein kann, von der Tagung in Tutzing bis zum Hospizdienst.

Von dem Fanzine gibt es jetzt eine Nullnummer. Wie soll es weitergehen?

Wir haben noch kein nächstes Heft geplant, wir haben uns ehrlich gesagt überhaupt gar nicht so viele Gedanken gemacht, nicht über die Auflage, nicht über den Vertrieb. Ich habe den Vertrieb auch ein wenig unterschätzt. Wir hatten erst einmal 500 Hefte gedruckt, 300 sind jetzt verkauft - ich kam mir zeitweise vor wie eine Poststelle und habe nach der Arbeit bis nachts ein Uhr gesessen und Fanzines eingetütet.

Diesem Heft sieht man an, dass Sie viel analog geschnitten und geklebt haben.

Wir wollten das old school machen, so wie Fanzines in ihren Anfängen eben ausgesehen haben. Wir vom Redaktionsteam sind alle Ü40, wir kennen uns mit Photoshop nicht so gut aus und wir sind mit diesem Do-it-yourself-Stil groß geworden. Also haben wir uns im Baumarkt einen Tapeziertisch gekauft und losgelegt. Es ist einfach etwas anderes, wenn Sie mit den Händen arbeiten.

Wie kam es überhaupt dazu, dass der Fußball so wichtig geworden ist in Ihrem Leben?

Ich bin 1974 geboren und mit dem Bundesligaradio meines Vaters aufgewachsen. Der wusch jeden Samstag sein Auto und bedröhnte die ganze Nachbarschaft. Mein Vater sagte immer, das müssen die jetzt aushalten! Wir haben dann zusammen Sportschau und viele Länderspiele geschaut, Fußball war immer präsent.

Und wie entstand die Verbindung zum Thema Trauer?

2006 kam mein Sohn tot zur Welt, 2008 auch meine Tochter. WM und EM haben mich in meiner Trauer unterstützt. Es war total gut, die Spiele zu schauen, das waren 90 Minuten nicht im Morgen oder im Gestern, sondern im Hier und Jetzt. Ich hatte die ganze Bandbreite der Gefühle, man weint ja nicht nur, man lacht in der Trauer auch manchmal. Mir hat das sehr geholfen, und dann fiel mir auf, Mensch, es gibt ja auch im Fußball ganz viel Trauer.

Nämlich?

In England können Fans teilweise einen Teil ihrer Asche hinter der Torlinie begraben, es gibt Klubpfarrer und Tribünen, die nach verstorbenen Vereinsgrößen benannt werden. Auch durch seine Rituale mit Schweigeminuten und Choreografien gibt der Fußball ein gutes Forum, mit Trauer und Tod umzugehen. Das finde ich schön. Trauer ist ja nichts, was aufhört, Trauer ist etwas, das wir in unser Leben integrieren können. Wir müssen gewisse Sachen annehmen. Wir können den Tod nicht kontrollieren und wir müssen auch annehmen, wenn wir in der 94. Minute ein ungerechtfertigtes Gegentor bekommen.

© SZ
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