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"The Conners" und US-Vorwahlen:Geld und Gras

LAURIE METCALF

Laurie Metcalf (hier in einer Szene von 2018) ist eine erfahrene Schauspielerin - und war wie der Rest der Crew doch "völlig verschreckt" von dem Live-Projekt.

(Foto: Eric McCandless/ABC)

Die US-Sitcom "The Conners" greift in einer Live-Episode die Vorwahl-Ergebnisse in New Hampshire auf.

Und dann erfährt die 18 Jahre alte Erstwählerin, worum es bei US-Wahlen wirklich geht: nicht um die großen Dinge wie Klimaschutz, Wirtschaft, Sicherheit, sondern letztlich nur darum, was einen persönlich bewegt. Sie hat gerade erfahren, dass es da ein paar Kandidaten bei der kommenden Präsidentschaftswahl gibt, die Studiengebühren abschaffen, Marihuana legalisieren und Wohnungen zu erschwinglichen Preisen errichten wollen. "Wow", sagt sie: "Sollte ich es an die Uni schaffen, dann brauche ich Geld und Gras. Sollte ich rausfliegen, weil ich zu benebelt bin, brauche ich eine billige Wohnung. Okay, ich werde diese Leute wählen."

Mit dieser Szene endet die Episode der Sitcom The Conners, die am Dienstagabend auf dem Sender ABC live ausgestrahlt wurde und bei der die Autoren währenddessen die Ergebnisse der Vorwahlen in New Hampshire in die Handlung einarbeiteten. "Völlig verschreckt" seien die Schauspieler von dem ehrgeizigen Projekt gewesen, sagt Showrunner Bruce Helford dem Hollywood Reporter, und wer die Darsteller kennt, der weiß, dass das nicht einfach so dahingesagt ist: Laurie Metcalf, zweimalige Tony-Siegerin. Katey Sagal, Golden-Globe-Gewinnerin. Sara Gilbert, Erfinderin und Moderatorin der Live-Sendung The Talk. John Goodman, Universalgenie und Gesamtkunstwerk.

Live-Episoden gelten als Königsdisziplin des traditionellen Fernsehens, unvergessen sind die Folgen von Undateable (mit einem Gastauftritt von Ed Sheeran), 30 Rock (in der Alec Baldwin kommentiert, wie komisch das alles aussieht), und, ja auch: The Simpsons, in der Homer (oder vielmehr sein Sprecher Dan Castellaneta über Motion-Capture-Technologie) die Anrufe von Zuschauern beantwortet. "Wir wollten keine Live-Episode machen, nur um eine Live-Episode zu machen", sagt Helford: "Eine Vorwahl ist ein Stück weit planbar, weil die Protagonisten bekannt sind und ein ungefährer Zeitplan vorliegt. Es gibt jedoch genug unvorhersehbare Elemente, die das alles zu einem spannenden Projekt machen."

Immerhin gab es ein Drehbuch, in dem knapp 90 Prozent der Handlung festgelegt waren: Der zwölf Jahre alte Mark (Ames McNamara) sitzt im Wohnzimmer und verfolgt die Berichterstattung über die Vorwahlen, weil er in der Schule ein Referat halten muss. Es gibt die üblichen Konflikte, in die live eingearbeitet wird, dass Bernie Sanders knapp vorne liege. Im Drehbuch stand dann: "Mark sagt ihnen, was gerade los ist." Die Schauspieler bekamen ihren Text entweder kurz vor dem Auftritt gereicht oder mussten ihn spontan vom Teleprompter ablesen. Statt der üblichen vier Kameras gab es zwölf, damit die Handlung in mehreren Räumen spielen konnte.

Es war eine spannende Episode - nicht wegen der Live-Ergebnisse aus New Hampshire, sondern wegen der Umsetzung des Projekts. Der Zuschauer bekommt einen Einblick, wie es in einer Familie in einem Vorort von Chicago zugehen könnte. Die Streitereien, die auch niemals um die großen Dinge gehen, sondern darum, was den Einzelnen eben gerade bewegt. Es geht um die Angst vor Einsamkeit, Sorgen vor dem Outing, finanzielle Not - und darum, dass eine 18 Jahre alte Frau glaubt, dass sich kein Politiker einen Dreck um diese sehr reellen Ängste, Sorgen und Nöte schert. "Du wählst eine schreckliche Person, damit die noch schrecklichere nicht gewählt wird", heißt es an einer Stelle.

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"Die Conners sind eine zynische Familie aus der Arbeiterklasse", sagt Helford. Auch der Vorgänger Roseanne, damals noch mit Roseanne Barr in der Titelrolle, habe nicht vor gesellschaftlichen Debatten und deren Auswirkungen auf eine typisch amerikanische Familie zurückgeschreckt: "Es geht um diese Leute, von denen es so viele in den Vereinigten Staaten gibt und die oftmals vergessen werden und glauben, dass ihre Stimme nicht gehört wird. Wir wollen gewiss nicht moralisieren, aber es gibt dann schon eine Botschaft an die Leute: 'Geht wählen!'" Und wenn es wegen Geld und Gras ist.

© SZ.de/cag
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