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Serie "The Capture":Packende Paranoia

Welchen Bildern kann man trauen? Holliday Grainger und Callum Turner in The Capture.

(Foto: BBC/Heyday Films/Parisa Taghizad)

Welchen Bildern kann man noch trauen? Eine US-Serie über die Grenzen von Videoüberwachung sät beim Publikum ungemein kunstvoll Zweifel.

Von Luise Checchin

Auf der Liste der Szenen, die die Krimiserie als Genre eindeutig überstrapaziert hat, steht der detektivische Überführungs-Zoom weit oben: Eine Kommissarin starrt auf einen Bildschirm, der irgendein Beweisvideo zeigt, sie starrt und starrt, bis sie plötzlich dem Techniker, der bis dahin etwas bräsig neben ihr saß, "Kannst du das mal vergrößern?" zuraunt. Und, siehe da, irgendein pixeliges Detail kommt zum Vorschein, das sich als die Lösung des Falls herausstellt.

Im Internet finden sich Zusammenschnitte von allen erdenklichen Variationen dieser Situation und obwohl so ziemlich jede davon ganz ohne Parodieverdacht in der BBC-Produktion The Capture vorkommt, kann man nicht anders, als fasziniert mitzustarren. Denn dem Bildmaterial, das die junge Kommissarin Rachel Carey (Holliday Grainger) hier ohne Unterlass auswertet, ist nicht zu trauen.

Die Fragwürdigkeit von Bildern im Allgemeinen und von Videoüberwachung im Speziellen ist das große Thema von The Capture und so ist es nicht verwunderlich, dass die Eingangsszene in einer Londoner CCTV-Zentrale spielt. Man sieht eine Mitarbeiterin, die von hier in Echtzeit die Straßen der britischen Hauptstadt beobachtet und eines Abends dabei zuschaut, wie ein Mann eine Frau entführt. Oder ist alles doch ganz anders? Jener Mann zumindest, der Soldat Shaun Emery (Callum Turner), bestreitet, die Tat begangen zu haben.

Dieser Emery ist prominent, gerade erst wurde er freigesprochen von dem Verdacht, in Afghanistan ein Kriegsverbrechen begangen zu haben. Seine Rettung vor Gericht war dabei ironischerweise die Erkenntnis, dass die Videoaufnahmen, die ihn bei diesem Kriegsverbrechen zeigen sollten, offenbar fehlerhaft waren. Die ehrgeizige Ermittlerin Carey wiederum, zunächst fest von der Schuld Emerys überzeugt, findet im Laufe der Serie immer mehr Gründe, zu zweifeln - an ihren eigenen Annahmen, der Technik und dem britischen Geheimdienst, der in diesem Fall auch irgendwie mitzumischen scheint.

Die Art, wie "The Capture" Zweifel streut, ist ungemein kunstvoll

Vieles an Personal und Machart der Serie ist recht konventionell. Die Figur der jungen, ambitionierten Polizistin etwa, die sich in ihrer neuen Abteilung beweisen muss - und Regisseur Ben Chanan zeigt das Geschehen so ausgiebig aus der CCTV-Kamera-Vogelperspektive, dass man sich beim Zuschauen irgendwann etwas unterfordert fühlt (als hätte man nicht schon in den ersten fünf Minuten verstanden, dass es hier um Überwachung geht). Die Art aber, wie The Capture Zweifel streut, ist ungemein kunstvoll. Shaun Emery ist ein Protagonist, dem man vertrauen will und der sich dann durch seine Gewaltausbrüche immer wieder selbst verdächtig macht. Gleichzeitig kann man nicht anders, als sich von der Paranoia anstecken zu lassen, die Emery und Carey durchmachen: Was ist Wirklichkeit und wie weit lässt sie sich manipulieren? Die Serie macht aus den Fragen ein dystopisches Verwirrspiel, das so düster und spannend ist, dass man alle anderen Schwächen verzeiht. Sogar den exzessiven Einsatz des Überführungszooms.

The Capture, bei Starzplay*

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© SZ vom 03.01.2020
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