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"Tatort" aus Wien:Subtil inszenierte Verschwörungen

Tatort: Verschwörung

Am Tatort: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ermitteln in Wien.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg)

Ein Krimi um politische Seilschaften und korrupte Machenschaften, der trotzdem geerdet bleibt - auch dank des angenehm zergrübelten Ermittler-Duos.

Von Claudia Tieschky

Möglicherweise ist Moritz Eisner der letzte Tatort-Kommissar, der richtige Stofftaschentücher reicht, wenn Tränen fließen. Gefaltet und unverkennbar gebügelt, schlicht in der Ausführung. Ein herrlicher Anblick. So ein Stofftaschentuch, wie es Kinder früher zum Bügeln bekamen und mit dem ihnen die Sonntagsväter dann den Rotz abwischten. Andrerseits: Ist ein Stofftaschentuch nicht virenmäßig sehr gefährlich? Ist also ein Stofftaschentuch im Tatort nicht schon als bedenklicher Kommentar zu verstehen?

Und damit zur aktuellen Episode "Verschwörung". Ein Fall, der trotz seines Titels sehr geerdet und mit jener angenehm zergrübelten Ernsthaftigkeit daherkommt, die der Wiener Tatort mit Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) oft an sich hat. Ein nicht sehr sauberer Spitzenbeamter des Innenministeriums bekommt beim Marathontraining einen Infarkt. Über Wien liegt eine Hitze, die das erklären könnte, doch etwas stimmt nicht. Der Nachbar des Spitzenbeamten hat mit ihm gemeinsam Karriere gemacht, aber wurde nach einem Skandal geopfert. Ein Motiv? Schön wird das alles nicht, am Anfang springt der Film kurz in die Zukunft, und da sitzt Eisner bei der Arbeitsvermittlung.

Eine Spur führt zum "Verein Sichere Zukunft"

"Verschwörung" erzählt von politischen Seilschaften, die am Rechtsstaat vorbei eigene Machtstrukturen aufbauen. Ein Spur führt zu einem "Verein Sichere Zukunft", den lenkt der erwähnte Herr Nachbar, und als Eisner und Fellner nach dem Verhältnis zu dem Toten fragen, sagt er mit eiskaltem Blick: "Lebensmensch trifft es am besten." Dass die beiden unbeeindruckt weiterermitteln, kostet Eisner plötzlich seinen neuen Job, den er bald in Den Haag antreten sollte, bei den Fahndern gegen internationale Korruption. Er landet in einer Kammer, ganz allein zwischen Akten mit aussichtslosen Fällen.

Die Warnung, die dieser Tatort ausspricht und bei der er keineswegs das große Besteck der Verschwörungstheorien auspackt, sondern ganz lakonisch auf Seiten der normalen Leute steht, diese Warnung lautet: Ungehindertes Ermitteln ist schnell futsch, wenn korrupte Gefolgschaften sich als smarte Netzwerke ausgeben und zu Einfluss kommen. Inszeniert ist das subtil und spannend (Regie: Claudia Jüptner-Jonstorff, Buch: Ivo Schneider, bemerkenswerte Kamera: Andy Löv). Einmal trinken Fellner und Eisner ein Bier und schauen auf die Höfe der Stadt, in der sie seit Jahren das Verbrechen bekämpfen, aber dieses Wien gehört plötzlich den anderen.

Die Folge ist abrufbar in der ARD-Mediathek (bis 8. 6. 2021) und in der TVthek des ORF (bis 16. 5. 2021).

© SZ
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