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"Tatort" aus Stuttgart:Die Geschichte hinter der Geschichte

TV/ Tatort: Du allein

Wo ist der missing link in diesem Fall? Sebastian Bootz (Felix Klare) im Stuttgarter "Tatort" "Du allein"

(Foto: Benoît Linder/ SWR)

Ein Sniper erschießt scheinbar wahllos Passanten und versetzt Stuttgart in Angst: "Du allein" besticht durch seine Präzision und zwei Ermittler auf der Höhe ihres Schaffens.

Von Holger Gertz

Dass jemand loszieht und einen nach dem anderen umlegt, ist in der Geschichte des Tatorts immer wieder mal vorgekommen. Die WDR-Folge "Drei Schlingen" von 1977 hat hier Maßstäbe gesetzt. Der große Traugott Buhre spielte einen Wachmann, der mitansehen muss, wie ein Kollege ermordet wird. Daraufhin bringt Buhre die Mörder seines Kollegen um, er hängt sie auf, einen nach dem anderen. Erst allmählich erkennen die Ermittler das Muster dahinter, und dann begreifen sie auch den Zusammenhang zwischen den schwerwiegenden Begriffen "Rache" und "Gerechtigkeit".

"Du allein", der neue Tatort aus Stuttgart, ist ähnlich gebaut. Ein Sniper ist unterwegs, der scheinbar wahllos Passanten erschießt. Er fräst Nummern in die Munition, 1, 2, 3, es scheint ihm um die Maximierung und Potenzierung von Angst zu gehen - und um Geld. "Ist das überhaupt noch Stuttgart?", fragt Kommissar Sebastian Bootz (Felix Klare). "Ja, das ist noch Stuttgart", antwortet Kollege Thorsten Lannert (Richy Müller), und der eine klingt so ratlos wie der andere. Das Wühlen in den Hinterlassenschaften der Toten ist diesmal aber absolut zielgerichtet, und die detektivische Kleinarbeit bringt schließlich hervor, dass zwei Kalendereinträge übereinstimmen. Zwei Opfer des Snipers waren vor drei Jahren in derselben Kinovorstellung. Broadwaykino, 20 Uhr, "Fluch der Karibik". Das ist der hidden link, von dem Moment an zeigt sich, dass die Opfer eben nicht wahllos ausgewählt sind, sondern gezielt, da tritt dann sehr schön die zweite Ebene der Handlung ans Licht.

Die SWR-Episode von Friederike Jehn (Buch: Wolfgang Stauch) besticht nicht nur in diesem Moment durch ihre Präzision und Ordnung. Das entscheidende Detail mit dem Kinobesuch ist so winzig wie plausibel, die Rückblenden sind so kurz wie aussagekräftig, sie erzählen die Geschichte hinter der Geschichte und bereichern den Thriller durch die Emotion. Alles ist in der Waage in diesem Film. Und wenn der Tabakhändler (großartig: Karl Markovics) flüstert: "Vor ein paar Jahren habe ich einen schweren Fehler gemacht", fügt sich auch dieser zunächst rätselhaft in der Landschaft stehende Satz später ins große Ganze.

Inzwischen können die Stuttgarter Kommissare sogar über Moral nachdenken, ohne zu moralisieren. "Macht es einen Unterschied, ob man einem Penner die Hilfe verweigert oder einem versierten Handwerker, der aussieht wie ein Penner?", fragt Thorsten Lannert, dessen Zusammenarbeit mit Sebastian Bootz so ungekünstelt rüberkommt, so konzentriert und kollegial. Auch das ist sehenswert: zwei Ermittler in ihrem 25. Fall absolut auf der Höhe ihres Schaffens.

Das Erste, 20.15 Uhr.

© SZ vom 23.05.2020/luch
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