Tatort-Kolumne Aber der Kommissar ist großartig

Strumpfbandschnüffler, Traumatisierte, das Elend in sämtlichen Aggregatzuständen: Der Leipzig-Tatort gewährt einen tiefen Blick in den Tränenkrug. Dabei klingen die Sätze wie aus Todesanzeigen ausgeschnitten. Und Martin Wuttke ist nicht nur für den Tatort überqualifiziert - auch für Simone Thomalla.

Von Holger Gertz

Es ist kein gutes Zeichen für einen Tatort, wenn man am Ende schreiben muss: Aber der Kommissar ist großartig. In diesem Fall ist es Hauptkommissar Keppler, der so oft "scheiße" sagt, wie es seit Schimanski keiner mehr gewagt hat, fünfmal.

Wuttke wirkt wie einer, der im kühlen Klima eines Fassbinder-Films hätte gedeihen können, aber sich verlaufen hat ins Gegenwartsfernsehen.

(Foto: dpa)

Es gibt verschiedene Anlässe, die Dinge derart bündig zusammenzufassen. Ein blutiges Brautpaar. Eine tote Abiturientin, deren Vater den Abi-2011-Aufkleber von der Heckscheibe ihres Autos kratzt und bald lautlos schreiend zusammenbricht.

Martin Wuttke, der den Keppler spielt, ist ein wichtiger Theatermann (Burgtheater/Berliner Ensemble/Schauspieler des Jahres), er ist überqualifiziert für einen Tatort-Kommissar, sogar für seine Kollegin Simone Thomalla (Alarm für Cobra 11/Playboy/Bierwerbung mit Rudi Assauer).

Wuttke wirkt wie einer, der im kühlen Klima eines Fassbinder-Films hätte gedeihen können, aber sich verlaufen hat ins Gegenwartsfernsehen mit seinen beinhart lächelnden Frühstücksmoderatoren und Andrea-Kiewel-Gesichtern und sonstigen Glückskeksen aus dem Abendprogramm. "Das Dauergrinsen überall kann einem auf die Nerven gehen", sagt Wuttke als Keppler. Allein Menschen, die nicht nachdenken, werden ihm da widersprechen.

Wenn wieder mal psychologisiert wird, etwa über einen Mann, der sich in der Pose eines Lebensmüden an die Frauen ranwanzt, raunt Wuttke: "Ach so einer ist das." Seine Stimme ist mit Sandpapier schön aufgeraut. "Du bist ein Menschenfeind", sagt seine Kollegin. Am Ende weiß auch sie: Nur ein Menschenfeind hat etwas von der Welt verstanden.

Regisseur Miguel Alexandre hat tapfer in den Tränenkrug geschaut: Strumpfbandschnüffler, Traumatisierte, das Elend in sämtlichen Aggregatzuständen. Ein Pornobildchensammler tritt auf, dann versinkt er im Durcheinander der Dramaturgie. Die Sätze der Trauernden klingen manchmal wie aus Todesanzeigen ausgeschnitten. Nein, das hier ist kein Tatort für die Ewigkeit.

Aber der Kommissar ist großartig.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Und dann auch noch der Oberzyniker

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