Tatort Bremen: "Alle meine Jungs" Ein Müllmafiamärchen

Hauptkommissarin Inga Lürsen und Kommissar Stedefreund befragen einen Müllmann.

(Foto: Radio Bremen/Jörg Landsberg)

Lürsens und Stedefreuds Ermittlungen im Bremer "Tatort" sind halb Milieustudie, halb Parodie von orangegekleideten Müllmännern, die wie eine Mischung aus Hells Angels und Chippendales daherkommen. Das ist zwar liebevoll gezeichnet, aber zu viel.

Von Holger Gertz
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ls die Fußballer von Werder Bremen, eigentlich grün-weiß unterwegs, mit orangen Versatzstücken in den Trikots zu experimentieren begannen, spielten sie besser als zuvor, wurden Meister, Pokalsieger. Viele Bremer mögen seitdem die Farbe Orange. Regisseur Florian Baxmeyer treibt die Beziehung der Farbe mit der Stadt einer neuen Höhe entgegen, die Jungs in Orange leben in seinem Tatort privilegiert im eigenen Viertel, haben einen eigenen Fahrdienst und mutmaßlich auch einen Spezialtätowierer, der ihre Oberarme bestickt. Allerdings, die Jungs in Orange sind keine Fußballer, sondern Müllmänner. Einer von ihnen fällt gleich zu Beginn tot aus dem Müllwagen raus.

Baxmeyer ist längst Hausregisseur bei Radio Bremen, er hat den Kommissaren Lürsen und Stedefreund ihre Betulichkeit schön ausgetrieben, die herausragende vergangene Folge Brüder handelte von einem Araberclan und war an die Bremer Realität mehr als nur angelehnt. Die neue Geschichte ist weiter hergeholt: Die Müllabfuhr Bremens wird von ehemaligen Strafgefangenen organisiert, Chef ist ein ehemaliger Bewährungshelfer. Die Müllmänner schaffen auch schon mal Sondermüll beiseite und werden von weiter oben gedeckt und prämiert. Der Tatort ist ein Müllmafiamärchen. Der Tatort ist auch eine Milieustudie, die hineinleuchtet in die Welt der Unterschicht, wo die Männer die letzten Reste ihrer Suppe aus dem Teller schlürfen und Babys auf den Namen Rihanna getauft werden. Der Tatort ist weiterhin: Philosophie über das Wesen des Mülls und zugleich eine Parodie auf das Wesen der Müllmänner, die porträtiert werden als eine Melange aus Hells Angels und Chippendales. Darüber hinaus verschwindet Lürsens Waffe und spielt später eine Rolle bei einer Vergewaltigung. Und am Ende singt die Knef.

Zu viel? Zu viel. Drei Mann haben das Buch geschrieben, manchmal ist die Kamera im Inneren eines Briefkastens, manchmal bei Rihanna in den Kissen des Kinderwagens. Vieles ist für sich sehr liebevoll gezeichnet, im großen Ganzen geht es durcheinander. Irgendwann wird beim Chinesen eine Speise serviert, die aussieht wie Labskaus Shanghai. Alles in allem. So schmeckt der Tatort.

ARD, Sonntag 20. 15 Uhr.