"Tatort" aus Münster Alle Lieblinge sind da

Thiel (l.) und Boerne sind irritiert: Irgendwann liegt sogar ein Pinguin auf dem Seziertisch.

(Foto: WDR/Thomas Kost)

Der neue Münsteraner "Tatort" spielt in einem Zoo und funktioniert nach dem Prinzip "Sesamstraße": alles wie immer. Und ein bisschen Pinguincharme.

Von Holger Gertz

Dieses hier ist ein klassischer Tatort aus Münster, ein "Münsteraner", wie man in der Fan-Szene sagt, die nach wie vor gewaltig ist. Kommissar Thiel trägt mal wieder sein Pauli-T-Shirt, Vaddern redet mal wieder über vernünftigen Stoff, home grown natürlich, Professor Boerne scheint mal wieder aus dem Handlungsrahmen ausbrechen zu wollen und bleibt dann aber doch lieber drin. Eine Zweitkarriere als Fernsehkoch lässt sich verheißungsvoll an, Boerne entwickelt die forensische Küche, experimentiert mit Gerichten, die "Mumie im Moor" heißen oder übertötetes rohes Rinderfilet enthalten, serviert nach Art des Axtmörders. Ein netter Seitenhieb auf die sich so wichtig nehmenden Dialoge in anderen Fernsehkrimis.

Natürlich enthält die Folge "Schlangengrube" auch eine Kriminalgeschichte, die anfangs als klassischer Wettlauf gegen die Zeit sogar halbwegs rasant eingeführt wird. Eine Frau liegt mit gebrochenem Genick und ein paar Einstichen in der Nabelgegend in ihrer Wohnung. Sie hat - wie sich zeigt - viele Stunden im Zoo zugebracht, wo die Ermittler dann mit obskurem Personal und lieben Tieren jede Menge zu tun haben. Tatsächlich aber lebt auch dieser Münsteraner von Axel Prahl und Jan Josef Liefers von ihrer Präsenz und den Dialogen. Und immer noch ist das, was Stefan Cantz und Jan Hinter ihnen ins Drehbuch schreiben, origineller als vieles, was im deutschen Gebrauchsfernsehen sonst so versendet wird.

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Andererseits ist - siehe oben - Überraschendes in dieser Struktur nicht zu erwarten und Subtiles vermutlich gar nicht erforderlich, schließlich darf sich hier ein flach gezeichneter Medienmogul genau so kotztütig aufführen, wie das von Medienmogulen offenbar erwartet werden kann.

Leicht genießbar ist das, was Regisseurin Samira Radsi mit ihren Leuten hier anrichtet, und auch Pinguin-Charme wird in rauen Mengen untergerührt. Kein Wunder: Pinguine machen jeden Film besser, erst recht die Brillenpinguindame Sandy aus dem Allwetterzoo. Am Ende serviert der alte Boerne dem routinierten Kollegen Thiel, den er zärtlich Mister Bockwurst nennt, dann doch wieder Fast Food, und Vaddern lacht als Letzter. Alle Lieblinge sind da, und alle sind wie immer. Nach dem Prinzip hat die Sesamstraße auch jahrzehntelang hervorragend funktioniert.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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