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TV-Ereignis: "Tatort" aus München:Selbstjustiz, Abscheu und Wut

Das Geheimnis um den Mörder wird im neuen "Tatort" unüblich früh gelüftet. Ein beklemmend guter Fernsehkrimi.

Dieser Münchner Tatort stellt das Genre auf den Kopf, denn er fängt da an, wo andere Krimis normalerweise aufhören. Man verfolgt nicht das übliche Whodunit und weiß um 21.15 Uhr, dass die unwahrscheinlichste Nebenrolle in den letzten fünf Minuten zum Mörder befördert wird.

tatort nie wieder frei sein

Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec, links) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) hadern diesmal mit sich selbst.

(Foto: BR/Hagen Keller)

In diesem Krimi steht der Täter fünf Minuten nach Beginn vor Gericht, Zeit also für den üblichen Schnitt, einen Halt an der Imbissbude und ein paar flotte Sprüche der Kommissare. Abspann. Auftritt Anne Will.

"Nie wieder frei sein" ist anders. Zwar wissen alle, dass der von Shenja Lacher großartig gespielte Angeklagte auch tatsächlich der Mörder und Vergewaltiger ist. Doch aufgrund eines juristischen Fehlers der beiden Kommissare Batic und Leitmayr bei den Ermittlungen kann das entscheidende Beweisstück nicht verwendet werden.

Die mit Lisa Wagner glänzend besetzte strebsame Pflichtverteidigerin des Mörders macht ihren Job peinigend gut, schüchtert das Vergewaltigungsopfer erfolgreich ein, und der Angeklagte wird freigesprochen. Eine furiose Jagd auf Täter und Opfer beginnt.

Regisseur Christian Zübert (Buch: Dinah Marte Golch) führt den Zuschauer gekonnt an der Nase herum. Er spielt mit Ekelgefühlen, Vorurteilen und dem dumpfen Volksempfinden, lässt aber auch Raum für das Entsetzen, das der emotional völlig verwahrloste Täter auslöst. Selbstjustiz, Wut, Abscheu haben hier ebenso Platz wie Angst, Mitleid und Empörung über die Tücken des Rechtsstaates.