"Tagesschau" im neuen Studio Vom Notfall zum Normalfall

Sprecherin Caren Miosga im neuen Studio von Tagesschau und Tagesthemen.

(Foto: NDR/Thorsten Jander)

Mit dem neuen "Tagesschau"-Studio verabschiedet sich die ARD am Karsamstag von der Virtualität, und auch mit den Damen und Herren ohne Unterleib hinter ihrem wallhaften Tisch ist es vorbei. Dennoch birgt das neue Studio eine Gefahr.

Von Gerhard Matzig

Claus-Erich Boetzkes ist ein höflicher Mensch, der seinen Spitznamen "Professor Tagesschau" mit ironisch grundiertem Feinsinn zu tragen weiß. Überdies trägt er ihn auch zu Recht, den Titel, denn vor zweieinhalb Jahren wurde der ARD-Moderator zum Honorarprofessor an die TU Ilmenau berufen.

Was er aber jetzt gerade trägt, in Hamburg, nicht in Ilmenau, bekleidungs- statt titeltechnisch, im für knapp 24 Millionen Euro auf 320 Quadratmetern neu gestalteten ARD-Nachrichtenstudio nämlich, das am kommenden Karsamstag um 20 Uhr nach Jahren der Geheimniskrämerei in Betrieb genommen wird . . . tja, ist es Ironie? (Denn der neue Boden im sonst so futuristisch anmutenden Studio-Design ist aus Ahorn - verlegt als klassisches Schiffsparkett.) Ist es naturgegebene Hanseartigkeit? (Denn in Hamburg ist alles, was man auch an Bord tragen kann, gesellschaftsfähig.) Oder ist es ein letztes Aufbegehren gegen die Zeitläufte und ihre Neuerungssucht? (Denn von Samstag an ist es vorbei mit den Damen und Herren ohne Unterleib, die unterhalb der Gürtellinie beziehungsweise der Schreibtischoberkante bislang blickdicht beschützt wurden von einem wallhaft aufragenden Tischmöbel.)

Aus Nachrichten wird jetzt ganz großes Kino. Das ist vielleicht die Gefahr dabei

Neues Studio der "Tagesschau"

18 Meter Emotionen

Jedenfalls: Prof. Boetzkes trägt dieses eine Mal noch Schuhe, "Timbis", die man - fern der textil- und auch sonst hochseriösen Tagesschau - nur als unbekümmert beschreiben kann. Selbst für Ilmenauer Verhältnisse. Er trägt den Classic Boat Shoe von Timberland. In Braun. Glattleder. Dazu eine Jeans. Salopp. Formvollendet dagegen hält Boetzkes dem Reporter die Tür auf. Dienstag, kurz nach 16 Uhr. Man darf das neue Studio besichtigen, anfassen, begreifen. Also ein brennendes Geheimnis enthüllen, vielleicht das brennende Geheimnis schlechthin in der Nachrichtenwelt - wenn man mal von der Frage absieht, was eigentlich Eva Herman so macht. Boetzkes hat soeben eine Nachmittags-Ausgabe der Tagesschau moderiert. Im Probebetrieb. Man befindet sich im Gebäude 18 der ARD-Nachrichtenzentrale beim NDR in Hamburg-Lokstedt. Dort, wo früher ein sogenanntes Havariestudio für Notfälle als Raumreserve bereitstand.

Die Havarie wurde jetzt aufgehübscht. Chic ist sie geworden. Und aus dem Notfall, aus dem ein Probefall wurde, wird nun der Ernstfall. Womit unser Leben einen neuen Look bekommt. Schließlich geht es nicht nur um ein Nachrichtenstudio. Wenn die Tagesschau als älteste noch bestehende Nachrichtensendung im deutschen Fernsehen (seit 1952, damals gab es knapp 10 000 Fernsehgeräte) ihr Wohnzimmer umräumt, dann verändern sich auch die Wohnzimmer-Blicke von mittlerweile 8,87 Millionen Zuschauern, die täglich zuschalten. Die Tagesschau ist allgemeines Kulturgut. Steht quasi unter Denkmalschutz.

Wenn es am Samstag um 20 Uhr wieder "Guten Abend" heißt, dann wird das grundsätzlich immer noch vertraut klingen. Jedenfalls in akustischer Hinsicht, denn der Sound der Tagesschau-Fanfare wurde nur etwas runderneuert. Im Gegensatz übrigens zur deutlich aufgeblasenen Tagesthemen-Melodie, die sich anhört, als versuchten die Tagesthemen auch dann ein Hollywood-Blockbuster von Roland Emmerich zu sein, wenn es nicht um die Bedrohung der Welt, sondern nur um die Große Koalition geht - selbst wenn man einwenden mag, das sei das gleiche. Aussehen aber werden die ARD-Nachrichten noch einen Tick fremder. Erst mal. Man wird sich jedoch schnell daran gewöhnen. In der Geschichte der Tagesschau gab es immer die Evolution der Formen. Kann sich eigentlich noch jemand an den transparenten Tagesschau-Schriftzug mit hell-goldfarbenen Rand erinnern? Von Mitte der 1990er-Jahre? Oder an die Weltkarte aus dicken Punkten? Eben.