Streaming Kunterbunt

Die "Stadtgeschichten" über eine WG in San Francisco von Autor Armistead Maupin haben universelle Kraft, sind Literatur, Musical und jetzt auch Netflix-Serie.

Von Patrick Heidmann

Es gibt kaum eindrucksvollere Belege für die universelle Kraft, die in kleinen Lokalgeschichten stecken kann, als Armistead Maupins "Stadtgeschichten". Was in den Siebzigern im San Francisco Chronicle als Zeitungskolumne für und über die Nachbarschaft begann, wurde zu einer weltweit beliebten Saga, die inzwischen neun Bücher, Musicalversionen sowie drei TV-Miniserien umfasst und nun bei Netflix fortgeschrieben wird.

Dass der Autor Figuren in den Mittelpunkt rückte, von denen anderswo kaum jemand erzählte, macht den Erfolg der "Stadtgeschichten" besonders bemerkenswert. Zu den Bewohnern und Gästen des Hauses in der Barbary Lane 28 gehörten kiffende Bisexuelle wie promiskuitive Hippies - und natürlich die eigentlichen Protagonisten: der liebenswerte Schwule Michael Mouse Tolliver, das biedere Hetero-Landei Mary Ann Singleton und die exzentrische Vermieterin Anna Madrigal, die schon transgender war, bevor es den Begriff überhaupt gab. Selbst als Maupins Bücher in den Neunzigern mit Verspätung den deutschen Markt erreichten, waren die lebensbejahenden Geschichten noch immer revolutionär. Homosexualität oder Aids mochten als Themen zwar in der Lindenstraße angekommen sein, so selbstverständlich und zentral im Fokus wie hier standen sie aber noch lange nicht.

Wie Menschen eben so sind, wenn sie anders sind - andererseits aber ganz selbstverständlich einfach nur sie selbst: Szene aus Stadtgeschichten.

(Foto: Alison Cohen Rosa/Netflix)

Die Serie basiert nun erstmals nicht direkt auf einer Vorlage Maupins, knüpft aber an seine Geschichten und die Verfilmungen an. Mary Ann (Laura Linney) kehrt nach 20 Jahren zurück in die Bay Area, wo sie nicht nur Madrigal (Olympia Dukakis, in Rückblenden Jen Richards) und Mouse (Murray Bartlett) wiedersieht, sondern auch ihren Ex-Mann Brian und ihre sexuell fluide Adoptivtochter Shawna (Ellen Page). Wie Maupins Texte neigen auch diese Stadtgeschichten bisweilen zur Lieblichkeit und Rechtschaffenheit, wo doch angesichts der gesellschaftspolitisch relevanten Thematik durchaus Schärfe und Biss angebracht wären. So sind die zehn neuen Folgen weniger radikal als vor allem sympathisch und fast altmodisch.

Aber ihre große Stärke liegt in den kleinen, komplexen Momentaufnahmen queeren Lebens, sei es wenn über Spielregeln der Polyamorie verhandelt wird oder sich an Mouses sehr viel jüngerem, schwarzen Lebensgefährten nicht nur die Generationskluft offenbart, sondern auch eine Intersektionalitätsdiskussion entzündet.

Auch 2019 taugt die Barbary Lane 28 allen Fortschritten zum Trotz noch immer als utopisch-idyllischer Sehnsuchtsort für alle Menschen, die sich als Außenseiter fühlen oder von Akzeptanz und Diversität träumen. Produzent Alan Poul und Showrunnerin Lauren Morelli, die einen queeren Writers' Room betreiben, haben den bunten Mitbewohnerkreis so modernisiert, dass er ein mit der Vorlage nicht vertrautes Publikum ebenso anspricht wie alte Fans.

Stadtgeschichten, 10 Episoden, auf Netflix.