Glücksspiel:Jede Wette

Bayern München - FC Augsburg

Bayern München in der Bundesliga - in ARD und ZDF bald auch mit Werbung für Sportwetten.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Im Öffentlich-Rechtlichen laufen in der neuen Bundesliga-Saison auch Spots von Sportwettenanbietern. Warum das gefährlich ist.

Von Lisa Priller-Gebhardt

Wer derzeit in der ARD-Mediathek stöbert, stößt auf eine interessante Dokumentation. Sie trägt den Titel "Gefährliche Sportwetten". Darin kommen Menschen zu Wort, die beim Wett-Glücksspiel mit schnellen Gewinnen gerechnet und doch hunderttausende Euro verloren haben. Mit kaum einer anderen Sucht gerate man so schnell in die Abhängigkeit und damit in den Ruin, heißt es in dem Film. Und: Die Selbstmordraten unter Betroffenen seien extrem hoch.

Zu den größten Sportwettenanbietern Europas zählt Tipico, ein Unternehmen, das im vergangenen Jahr zusammen mit weiteren Anbietern wegen der Veranstaltung illegaler Glücksspiele angezeigt wurde.

Vom 21. August an wirbt nun ebenjener zwielichtige Sportwetten-Anbieter in der ARD, wenn dort die Fußball-Bundesliga läuft. "Tipico als Premium-Partner der DFL hat bei allen Medienpartnern der DFL ein Erstzugriffsrecht bezüglich Programmsponsoring und Sonderwerbeformen", sagt Uwe Esser, der als Geschäftsleiter des Bereichs TV zuständig für die Werbung in der ARD ist. Am Freitag teilte der Sender zudem mit, dass Tipico offizieller Sponsor der Sportschau für die neue Saison der Fußball-Bundesliga wird.

Bislang konnten sich die öffentlich-rechtlichen Sender Werbepartnern aus dem Tipp-Business verweigern. Am 1. Juli ist jedoch eine Neuauflage des Glücksspielstaatsvertrages in Kraft getreten, die dem bislang illegalen, aber geduldeten Geschäft einen rechtlichen Rahmen geben will. Und so können auch die gebührenfinanzierten Rundfunkanstalten ARD und ZDF Werbung von Wettanbietern nicht mehr ablehnen.

Auch Bwin, nach eigenen Angaben "Europas größter Sportwettenanbieter", tritt seit Juli erstmals werblich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen auf. Mit dem Start des EM-Viertelfinales spielt er seine Promotion-Kampagne "King of Europe" auch in ARD und ZDF aus. 800 Millionen Euro lässt sich die Sportwetten-Branche die werbliche Präsenz kosten.

Muss das sein? Daniela Ludwig, Drogenbeauftragte der Bundesregierung ist strikt dagegen. "Nach wie vor ist Fußball die Sportart Nummer eins und hat eine unglaublich große Vorbildfunktion überall auf der Welt, gerade für Kinder und Jugendliche", sagt die CSU-Politikerin. Ihrer Meinung nach wäre es "sicherlich der richtige Schritt, wenn hier in Deutschland Sportwettenanbieter nicht als Werbepartner oder Sponsoren fungieren."

Aber warum nimmt man diese Gefahr mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag in Kauf? Dieser sei "im Grunde überfällig", sagt Harald Rau, Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia Hochschule in Salzgitter. "Er schafft eine bundesweite Lösung, die auch endlich die Online-Anbieter in die Pflicht nimmt." So sieht das Papier etwa eine Datenbank vor, die Online-Spieler erfassen und gewährleisten soll, dass sie sich an die Regeln halten. Auch eine nationale Sperrdatei ist vorgesehen, die aktiv wird, wenn ein Spieler sich nicht daran hält oder das monatliche Limit von 1000 Euro, das der neuen Regelung zufolge eingesetzt werden darf, überschreitet. Rau begrüßt vor allem, dass eine eigens geschaffene Behörde in Halle sich um diese Kontrollsysteme kümmern soll.

Kritiker monieren, dass Gefährdete jetzt auch noch Werbung für ihre Sucht sehen müssen

Für Suchtgefährdete heißt das, sie müssen nun auch mit Werbung für geschäftsmäßiges Tippen in den Öffentlich-Rechtlichen leben. Rau sagt dazu: "Das ist dann schon so wie beim Alkohol, da stehen die Flachmänner im Supermarkt auch genau vor der Kasse." In diesem Punkt wirke der neue Glücksspielstaatsvertrag mit der integrierten Suchtprävention "wie ein Methadon-Ersatzprogramm für Süchtige aus dem nicht regulierten Markt."

Auch von den Zuschauern ist mit Kritik zu rechnen. Wie empfindlich das öffentlich-rechtliche Publikum zuweilen auf Werbung reagiert, bekommt die Uefa aktuell während der EM-Spiele zu spüren. Seit auf der Bandenwerbung häufig chinesische Schriftzeichen zu finden sind, monieren Fans den Umstand, dass ausgerechnet bei der Europameisterschaft die wirtschaftlich größten Werbe-Player aus Fernost stammen.

Aktive Spieler oder Funktionäre wie Oliver Kahn dürfen nicht mehr für die Wettanbieter werben

Das Glückspiel ist ein Milliardengeschäft. Zwischen 2013 und 2019 hat sich laut Deutschem Sportwettenverband der Umsatz der Branche von knapp vier auf fast acht Milliarden Euro verdoppelt. Treiber dieser Entwicklung ist auch die allgegenwärtige Werbung, die Spielanreize schafft und in der auch Stars des Fußballs auftreten. Werbebotschafter Oliver Kahn hat jahrelang als Testimonial versucht, daran mitzuwirken, das Wettgeschäft aus der Schmuddelecke zu holen. Doch der neue Staatsvertrag untersagt Werbung durch aktive Spieler oder Funktionäre. Deshalb muss Kahn seinen Vertrag mit Tipico auslaufen lassen.

Wie schwierig sich die neue Regelung für Betroffene gestaltet, sagt ein Protagonist aus der ARD-Doku: "Für wen auch immer dieser Markt eröffnet wird, es ist ein neues Kapitel, ein neues Fenster, um legal Geld zu verbrennen."

© SZ/cag
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