"Spiegel" versus "Bild" Der Trick mit dem Leitmedium

Bild bringe "immer wieder Elogen" auf Thilo Sarrazin, egal, "wie populistisch seine Thesen gegen muslimische Immigranten" seien. Und "immer wieder Hymnen" auf Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg - "egal, wie massiv" dieser gemogelt habe.

Nun ist die Behandlung des Falls Sarrazin im Spiegel einschließlich des Vorabdrucks auch eine ganz eigene Geschichte. Aber Bild derart auf den Titel zu hieven, ist bemerkenswert. Dass der Titel unmittelbar an den Umbau in der Spiegel-Chefredaktion anschließt, ist vermutlich Zufall. Georg Mascolo verantwortet seit einer Woche den gedruckten Spiegel zwar allein, aber das Blatt teilt mit, nur mit Rücksicht auf die lange Wochen im Iran bis zum vorvergangenen Wochenende festgehaltenen Bild-am-Sonntag-Kollegen habe der Spiegel das Stück zurückgehalten, um diplomatische Komplikationen zu vermeiden.

Steckt auch in piekfeinen Blättern ein "mordlüsternes Stück Bild?"

Die Titelgeschichte jetzt, die nichts Großes enthüllt, arbeitet sich stellenweise sehr an dem Bild-Trick ab, sich als Leitmedium zu gerieren - aber ein Leitmedium ist Bild nicht. Lesenswert ist die Cover-Geschichte dennoch, wenngleich Gerhard Henschel 2006 in seinem Buch Gossenreport. Betriebsgeheimnisse der Bild-Zeitung am eindrucksvollsten in der jüngeren Zeit die Folgen der Bild-Berichterstattung darstellt.

Ob Bild "nicht viel gelungener ist, als ein Gebildeter unter seinen Verächtern es je porträtieren oder karikieren könnte" hatte Rudolf Augstein angesichts des Böll-Abdrucks gefragt. Und hinzugefügt: Ob Bild nur Bild sei oder ob nicht auch in piekfeinen Blättern "ein mordlüsternes Stück Bild steckt (vom Spiegel gar nicht zu reden)": darüber könne "nun gehakt und gerangelt werden".

Die Spiegel-Aufmachung mit Bild zeigt jedenfalls, dass Medien, die Multiplikatoren für Themen und Stimmungen in einer Gesellschaft, nicht dort ihren blinden Fleck haben dürfen, wo sie mit sich selbst konfrontiert sind.