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Youtube-Serie zur Pflege:Die Ehre genommen

Ehrenpflegas

So jung, so unbedarft, so ungeeignet: Die Youtube-Miniserie Ehrenpflega führt auf ihre Weise Gutes im Schilde, nämlich den Pflegeberuf attraktiver zu machen. Boris (Danilo Kamperidis) und Miray (Lisa Vicari) sind Teil dieses Plans.

(Foto: Screenshot Youtube)

Mit einer Youtube-Serie will das Familienministerium junge Menschen für die Pflege begeistern. Das misslingt spektakulär.

Von Moritz Fehrle

Der Befehl kam wohl von oben: Seid mal cool jetzt! Denn "cool" müsse es werden, Pflegefachkraft zu sein, fordert Familienministerin Franziska Giffey angesichts des bereits jetzt eklatanten Personalmangels in der Pflege. In einer alternden Gesellschaft wird der sich noch deutlich verschärfen. Knapp 190 000 zusätzliche Pflegevollkräfte braucht es wohl bis 2030, das hat die Deutsche Krankenhausgesellschaft Ende vergangenen Jahres vorgerechnet.

Die Öffentlichkeitsarbeit des Ministeriums hat also angestrengt an coolen Lösungen gearbeitet - und Anfang der Woche das Ergebnis vorgestellt. Mit einer fünfteiligen Youtube-Miniserie will man junge Menschen für die Pflege begeistern und "auf humorvolle und teils überspitzte Weise" Informationen über die Ausbildung vermitteln.

Die Miniserie begleitet drei angehende Ehrenpflegas in der neuen Generalisten-Ausbildung, die seit Anfang Januar alle Bereiche der Pflege in den ersten zwei Jahren lehrt. 700 000 Euro hat sich das Ministerium die Imagekampagne kosten lassen. Die Hauptrollen besetzen Lena Klenke und Danilo Kamperidis, bekannt aus der Netflix-Serie How to Sell Drugs Online (Fast) sowie Dark-Darstellerin Lisa Vicari. Produziert wurde die Serie von Constantin Entertainment, einer Tochterfirma der Constantin Film AG, die wiederum hinter Fack ju Göthe steht.

Ehrenpflegas folgt erkennbar dem Erfolgsrezept und den Erzählmechanismen des Kassenschlagers. Wie Zeki Müller im Film über Umwege plötzlich Lehrer wird, landet auch die als enorm tumb dargestellte Hauptfigur Boris nicht unbedingt aus Überzeugung in der Pflegeschule. "Ausbildung heißt bei mir, ich mach die Probezeit, hab dann 'nen Vertrag, und scheiß dann drauf. Kassier mein Cash und chill wie ein Maulwurf", lässt er das Publikum gleich zu Beginn wissen.

Darin zeigt sich das Grundproblem der Serie. Die Macher trauen sich offensichtlich keinerlei Argumente zu, warum eine Pflegeausbildung sinnvoll und erstrebenswert sein kann und der Beruf später "voll systemrelevant und so". Die Anreize, die die Serie präsentiert, gehen nicht darüber hinaus, dass es "Cash" in der Ausbildung gibt und die angehenden Pflegerinnen und Pfleger das Handy mit in den Klassenraum nehmen dürfen. Dort werden sie von einer Lehrerin empfangen, die ihre Schülerinnen und Schüler wahlweise beleidigt oder verschaukelt.

Die Drehbuchautoren sind offensichtlich der Meinung, ein inflationärer Gebrauch des Füllwortes "so" wäre ein sicherer Indikator für Jugendlichkeit und liegen mit ihren Gags zielsicher daneben. Bereits innerhalb der ersten fünfzig Sekunden erleben die Zuschauerinnen und Zuschauer aufgrund komplett misslungener Pointen drei mittelschwere Anflüge von Fremdscham. Die Imagekampagne wagt nie den Versuch, ein realistisches Bild von Ausbildung und Beruf zu vermitteln, sondern bleibt ganz im Rahmen einer dumpfen Klassenzimmerkomödie.

Die Resonanz im Netz fällt vernichtend aus. Auf den Social-Media-Accounts des Familienministeriums machen sich Nutzer über die Jugendsprache lustig und kritisieren, dass das Ministerium durch die Serie so wirke, als würden die Leute dort junge Menschen, die eine Ausbildung in der Pflege erwägen, nicht ernst nehmen.

Auch der gezeigte Umgang mit Patienten wird von einigen Nutzerinnen und Nutzern als respektlos empfunden. Ricarda Lang, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, bemängelt, dass man das Geld sinnvoller in bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege hätte investieren sollen. Heftige Kritik kommt auch vom Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe. Keine Organisation, die Pflegeberufe vertritt, sei in die Produktion einbezogen worden. Die Darstellung verletze "Selbstverständnis, Ethos und Pflegefachlichkeit der Berufsgruppe". Die Pflege sei kein "Auffangbecken für alle Personen, denen an anderer Stelle keine Perspektive eröffnet wird". Cool sein zu wollen reicht halt auch im Familienministerium nicht.

In einer früheren Fassung des Textes hieß es, die Produzenten von "Fack ju Göthe" hätten die Serie "Ehrenpflegas" produziert. Das ist nicht korrekt. Sie wurde von Constantin Entertainment produziert, einer Tochterfirma der Constantin Film AG, die wiederum hinter "Fack ju Göthe" steht.

© SZ/khil/cag
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