RTL-Serie "Deutschland 83" Zum Teufel mit der historischen Korrektheit

Spionage als Familienbetrieb: Martin Rauch (Jonas Nay) und seine Tante Leonora (Maria Schrader).

(Foto: Atlantic Lion)

"Deutschland 83" erzählt eine Agentenstory aus der Zeit von Schulterpolstern und Nato-Doppelbeschluss. Ist die deutsche Serie so gut, weil die Autorin Amerikanerin ist?

Von Katharina Riehl

Der Text, den Alessandra Stanley, die Fernsehkritikerin der New York Times, im vergangenen Februar aus Berlin in ihre Redaktion schickte, war von einer gewissen Bewunderung getragen. Stanley berichtete von der Berlinale, von den neuen Fernsehserien, die beim Filmfestival in der deutschen Hauptstadt vorgestellt wurden. Und sie schrieb einen Satz, für den man einem deutschen Fernsehkritiker in seiner Redaktion vermutlich erst einmal reflexartig einen Vogel zeigen würde: Deutschland 83, schrieb sie, eine Fernsehserie des deutschen TV-Senders RTL, sei interessanter als so "aufgepumpte amerikanische Erfindungen wie Scandal und House of Cards".

Berlinale Lob für eine deutsche Serie, und keiner lacht sich tot
"Deutschland 83" auf der Berlinale

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An diesem Donnerstag, neun Monate nach der Premiere auf der Berlinale, startet Deutschland 83 im deutschen Fernsehen. Für ihren Macher, den Großproduzenten Nico Hofmann, ist seine erste Serie schon jetzt ein riesiger Erfolg, auch weil er quasi traditionell unter der Kritik leidet, er verdiene sein Geld, indem er die deutsche Geschichte mit Kitsch und Veronica Ferres quotentauglich mache. Jetzt also: eine deutsche Serie, die in der New York Times gelobt wird. Eine deutsche Serie, die von einem amerikanischen Pay-Sender gekauft wird (im Sommer lief Deutschland 83 mit Untertiteln bei Sundance TV). Auch in Großbritannien, in Dänemark und in Frankreich wird Deutschland 83 laufen, alles keine traurigen Fernsehnationen.

Für RTL dagegen, den Sender von Dieter Bohlen und der Autobahnpolizei, muss der Erfolg erst noch her, und zwar bitte messbar, weshalb derzeit auch die gesamte Republik mit Fotos von Jonas Nay vollgekleistert ist.

Was ist denn nun mit dem atomaren Erstschlag?

Jonas Nay spielt in der Serie einen jungen Mann, der in der DDR Martin Rauch heißt und später, in der Bundesrepublik, Moritz Stamm. Martins Tante Leonora (sehr großartig: Maria Schrader) rekrutiert ihren Neffen als Spion. Er wird 1983 in den Westen geschickt, genauer gesagt in eine Bundeswehrkaserne, wo er General Edel (Ulrich Noethen) bespitzeln und herausfinden soll, ob man dort denn nun einen atomaren Erstschlag plant oder nicht.

Zu Hause lässt er seine schöne Freundin und seine kranke Mutter zurück, doch selbstverständlich wird er in der BRD mehr als eine Frau kennenlernen, die diese Leere in seinem Leben zu füllen bereit ist. Neben deutscher Außenpolitik erforscht Martin/Moritz auch das westdeutsche Alltagsleben, etwa in Form eines Supermarktes. Im Hintergrund dudelt die Neue Deutsche Welle. Nato-Doppelbeschluss und 99 Luftballons. Friedensdemos und Schulterpolster. So weit, so deutsches Fernsehen.

Dass Deutschland 83 tatsächlich aber etwas vollkommen anderes ist als Hofmanns Geschichts-Monumentalwerke über Die Luftbrücke, Die Sturmflut und Die Flucht, hat unterschiedliche Gründe, und einer davon ist zweifellos Anna Winger. Sie hat das Drehbuch geschrieben zu der Serie, die ihr Ehemann Jörg Winger produzierte, der wiederum für Nico Hofmanns Firma Ufa Fiction schon seit vielen Jahren die Krimiserie Soko Leipzig herstellt. Anna Winger ist Amerikanerin, studierte an der Columbia University in New York, hat als Journalistin unter anderem für das New York Times Magazine gearbeitet und einen Roman geschrieben; hin und wieder versuchte sie sich dann an einzelnen Folgen der Soko. Irgendwann kam die Idee zu einer eigenen Serie. Das Buch schrieb sie auf Englisch, ihr Mann übersetzte.