RTL-Dreiteiler Neuer Winnetou mit erotischer Präsenz

Regisseur Philipp Stölzl versucht, die Saga von Winnetou und Old Shatterhand neu zu beschwören. Es gelingt ihm, weil er seine Geschichte einigermaßen glaubhaft ins Amerika des 19. Jahrhunderts einbringt.

Von Harald Eggebrecht

Um es gleich vorweg zu sagen: Nik Xhelilaj aus Albanien ist ein wirklich attraktiver Märchenindianer mit nicht nur makellosem Körper, er erfüllt seinen Winnetou auch wohltuend mit Witz, Charme und Aura.

Selbst diejenigen, die nur Pierre Brice für den einzig wahren Apachenhäuptling halten, werden angenehm überrascht sein von der Frische und erotischen Präsenz dieses neuen Winnetou. Das gilt vor allem für den ersten Teil "Eine neue Welt", der Regisseur Philipp Stölzl und seinem Drehbuchteam zweifellos am besten gelungen ist. Es ist der Film geworden, der am stärksten an die literarische Vorlage von Karl May erinnert.

Hoffen auf den Häuptling

Philipp Stölzl hat die Geschichte von Winnetou für RTL in einem Dreiteiler neu verfilmt. Ein Gespräch über die Besetzungen, Filmbudgets und Pierre Brice. Von Marc Hairapetian mehr ...

Womit wir beim Grundproblem jeder Verfilmung sind: Wie weit muss man den Romanstoff verwandeln, wie weit darf man sich davon entfernen, damit es ein stimmiger Film wird? Oder reicht es, Spurenelemente des Romans aufzunehmen, um nun unbeschwert "neu" zu erzählen?

Die Differenz zwischen literarischem Werk und Film lässt sich schon bei Heinrich Manns Professor Unrat und Josef von Sternbergs Der blaue Engel feststellen. Mann hatte eine bissige Gesellschaftssatire geschrieben, Sternbergs Film wird zum großen Melodram eines sich ins Unglück stürzenden Kleinbürgers.

Während das Buch heute kaum mehr Resonanz hat, bedeutet Der blaue Engel die Geburt des Weltstars Marlene Dietrich und funktioniert weiter glänzend.

In den alltagsmythischen Figuren Karl Mays liegt eine große Kraft

Oder man denke an die James-Bond-Filme, die mit Ian Flemings Romanen außer der Zentralfigur kaum mehr etwas zu tun haben. In den Filmen aber wird James Bond mit jedem Darstellerwechsel so gut wie neu erfunden für die jeweilige Zeit.

In alltagsmythischen Figuren, wie sie Karl May erfand, liegt eine Kraft, die weit über die literarischen Konzepte hinausreichen kann, wenn man es versteht, die etwa in Winnetou und Old Shatterhand schlummernden Energien auch jenseits der Mayschen Vorlagen zu wecken.

Schon die Winnetou-Filme der Sechzigerjahre gingen mit den Quellen alles andere als achtsam um. Heraus kamen, abgesehen vom edelsten aller Wilden, Pierre Brice, und Bildern von schönen Landschaften in Kroatien ein schwer verdauliches Pathos und wahrlich holzgeschnitzte Schauspielerei.

Lex Barker, einst der romantischste aller Tarzans, wirkte als Old Shatterhand wie ein übergroßes Amerikanerstandbild im deutschen Schrebergarten-Wildwest. Die gewollte Komik der Nebenrollen kam selten über peinliche Lächerlichkeit hinaus.