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Journalismus:"Spiegel" veröffentlicht Abschlussbericht zum Fall Relotius

Spiegel-Zentrale in Hamburg

Das Spiegel-Gebäude in Hamburg.

(Foto: Morris MacMatzen/Getty Images)
  • Der Spiegel hat seinen Abschlussbericht zur Untersuchung des Fälschungsskandals um Claas Relotius vorgelegt.
  • Demnach habe niemand im Haus von den Fälschungen gewusst, Zweifel seien aber zunächst ignoriert worden.
  • Für die Zukunft schlägt die Kommission unter anderem die Schaffung einer Ombudsstelle vor.

Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel hat seinen Abschlussbericht zum Fälschungsskandal um den ehemaligen Spiegel-Reporter Claas Relotius vorgelegt. Die Resultate veröffentlichte das Magazin am Freitag auf seiner Homepage.

Danach habe die Kommission keine Anhaltspunkte dafür gefunden, "dass jemand im Haus von den Fälschungen des Claas Relotius gewusst hat, an ihnen beteiligt war oder diese verheimlicht hätte". Trotzdem stellt der Bericht deutliche Fehler der Redaktion fest: "Wir sind, als erste Zweifel aufkamen, viel zu langsam in die Gänge gekommen und haben Relotius' immer neuen Lügen zu lange geglaubt", heißt es in einer Erklärung des Magazins. Und weiter: "In seiner Verdichtung zeichnet der Bericht da ein verheerendes Bild."

Am 19. Dezember 2018 hatte der Spiegel öffentlich gemacht, dass Relotius über Jahre hinweg in großem Umfang eigene Geschichten manipuliert hatte. Das Nachrichtenmagazin richtete daraufhin eine Kommission zur Aufarbeitung des Falls ein, zu der die Spiegel-Redakteure Stefan Weigel und Clemens Höges gehörten, sowie die ehemalige Chefredakteurin der Berliner Zeitung, Brigitte Fehrle. Höges war im April dieses Jahres allerdings in die Spiegel-Chefredaktion berufen worden und hatte sein Amt in der Kommission daraufhin niedergelegt.

In eigener Sache SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen
SZ-Magazin
In eigener Sache

SZ-Magazin vom Fall Relotius betroffen

Auch das "SZ-Magazin" hat im Jahr 2015 zwei manipulierte Interviews von Claas Relotius veröffentlicht, der umfangreiche Fälschungen im "Spiegel" eingestanden hat.

Die Kommission macht im Wesentlichen fünf Faktoren dafür verantwortlich, dass Relotius' Fälschungen so lange nicht erkannt wurden. Dazu zähle "die Stilform der Reportage", die für Fälschungen besonders anfällig sei, der "Druck durch Journalistenpreise", das innerhalb des Spiegel besonders abgeschottete Gesellschaftsressort, in dem Relotius arbeitete, das Versagen der Dokumentationsabteilung und der Umgang des Spiegel mit Fehlern.

Außerdem weist der Bericht darauf hin, dass Relotius' ehemaliger Ressortleiter Matthias Geyer auch dann noch an seinem Mitarbeiter festgehalten habe, als schon schwere Vorwürfe gegen den Reporter vorlagen. Unter anderem hatte sein Kollege Juan Moreno Zweifel an der Richtigkeit der von Relotius zugelieferten Textpassagen zu der gemeinsam verfassten Reportage "Jaegers Grenze" angemeldet, die Mitte November erschien.

Auch Ullrich Fichtner, Geyers Vorgänger und damals designierter Chefredakteur, war dem Bericht zufolge über die Vorwürfe informiert. Trotzdem wurden noch am 1. Dezember für eine Titelgeschichte Textpassagen verwendet, die sich nachträglich - wie auch der Text "Jaegers Grenze" - als manipuliert herausstellten.

Im Bericht heißt es dazu: "Die Reaktionen auf den Whistleblower Moreno sowie das Handling des Falles in den ersten Tagen und Wochen waren langsam und mangelhaft, geprägt von Vertrauen gegenüber Relotius und Misstrauen gegenüber Moreno." Besonders falle dabei ins Gewicht, dass "die Verantwortlichen im Gesellschaftsressort keine eigenen Recherchen anstellten, um den Fall aufzuklären". Fichtner und Geyer sind mittlerweile von ihren alten Positionen entbunden und haben neuen Aufgaben innerhalb der Redaktion erhalten.

Abgesehen vom Fall Relotius habe die Kommission nur noch einen weiteren Fall gefunden, in dem "eine bewusste Fälschung zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte". Dabei handele es sich um zwei Texte eines freien Journalisten, die untersucht wurden, nachdem das SZ-Magazin eine Geschichte des Autors noch vor der Veröffentlichung als manipuliert identifiziert hatte.

Für die Zukunft schlägt die Kommission unter anderem die Schaffung einer Ombudsstelle vor. "Hinweisgeber wie Juan Moreno müssen die Möglichkeit haben, eine neutrale Instanz anzurufen, wenn sie kein Gehör finden", heißt es in dem Bericht. Außerdem werden neu formulierte journalistische Standards für Texte gefordert. So dürften szenische Rekonstruktionen etwa nicht mehr "Gefühle oder Gedanken von Protagonisten" widergeben, sondern sich nur auf Tatsachen beziehen.

Auch für die Dokumentationsabteilung des Spiegel soll es neue Regeln geben. So soll unter anderem jede Woche eine Geschichte per Zufallsprinzip ausgewählt werden, die "erweitert verifiziert" wird. Außerdem müsse jeder Reporter "seine Recherche lückenlos dokumentieren" und seine Unterlagen von der Dokumentationsabteilung "mindestens zwei Jahre aufbewahrt werden".

Im Laufe der vergangenen Monate hatte der Spiegel bereits die von Relotius verfassten Texte im Detail überprüft. Die entdeckten Mängel reichten von falsch übernommenen Tatsachen aus anderen Medien über starke Übertreibungen bis zu Erfindungen. In der Reportage "Königskinder" über ein syrisches Geschwisterpaar, das in die Türkei flüchtete, konnte der Spiegel etwa nur die Existenz eines Kindes verifizieren. Diesem habe Relotius noch dazu einen fiktiven Lebenslauf verpasst.