RBB stoppt Sarrazin-Dokumentation Wem gehört Sarrazin?

Es geht also, wie gesagt, um die schlichte Frage: Gehört Sarrazin der ARD?

Güner Balci sagt, sie habe stets mit offenen Karten gespielt. Sie habe ihrer Produktionsfirma von dem ZDF-Angebot berichtet, einen Zehn-Minuten-Beitrag für Aspekte zu drehen über Sarrazin, wie er durch Kreuzberg spaziert. Die Firma sei nicht begeistert gewesen, habe aber gesagt, sie werde das dem RBB kommunizieren. Balci solle auf keinen Fall mit dem RBB selbst verhandeln. "Das war mein Fehler gewesen", sagt Güner Balci jetzt. "Dass ich nicht selbst die Verhandlungen mit dem RBB geführt habe."

RBB-Sprecher Justus Demmer argumentiert, Balci habe mit dem ZDF-Beitrag gegen "eindeutige schriftliche Absprachen" verstoßen. Der Beitrag sei vor der für September geplanten Ausstrahlung des Dokumentarfilms gesendet worden und weise "inhaltliche Dopplungen" mit bereits für den RBB gedrehten Szenen auf. Auch die öffentlichen Diskussionen um die Person Balci (ob also Sarrazins gefilmte Kreuzberg-Visite eine vermeidbare Provokation gewesen sei oder, wie Balci argumentiert, ein naheliegender Versuch, Sarrazin mit jenen Menschen in Kontakt zu bringen, über die er schreibt, die er aber nicht kennt), habe das Projekt "belastet". Von den "Belastungen", die die Produktionsfirma ausgelöst hat mit einer Notlüge, spricht der RBB allerdings nicht. Auch hat er es bis jetzt nicht für nötig gehalten, Güner Balci persönlich über das Ende der Zusammenarbeit zu unterrichten.

Offenbar um das Filmprojekt zu retten, hatten Mitarbeiter der Lona Media Produktionsfirma gegenüber dem Mit-Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, erklärt, die Filmbänder mit Interviews für die Sarrazin-Doku seien gestohlen worden, darunter auch ein Interview, das Balci mit Schirrmacher geführt habe, man müsse ihn daher noch einmal interviewen. Das Interview werde diesmal aber nicht von Balci geführt. Auf Nachfrage Schirrmachers, der am Donnerstag über die seltsamen Methoden der Produktionsfirma berichtete, musste Lona Media einräumen, es habe sich dabei um eine "Notlüge" gehandelt. Lona Media hat auch Sarrazin kontaktiert und gefragt, ob man ihn interviewen könne, jedoch ohne Balci als Autorin. Sarrazin aber steht für eine Dokumentation ohne Balci nicht zur Verfügung.

Die Frage bleibt, wie ein Zehn-Minuten-Beitrag das Ende bedeuten kann für eine 45-minütige Dokumentation, die einen Sarrazin gezeigt hätte, wie ihn kaum einer kennt. Die gezeigt hätte, wie einsam ein millionenfach verkaufter Bestseller einen Menschen machen kann.

Currywurst statt Döner

In Balcis Filmmaterial finden sich Szenen, die einen Sarrazin zeigen, der Misstrauen gegenüber Döner hegt, weil man nie wissen könne, was darin steckt (der sich aber gerne beim Currywurst-Essen auf seinem Golfplatz filmen lässt). Einen, der auf die Frage, ob er nicht auch mal Migranten loben könne, die etwas geleistet haben, sagt: "Selbstverständlichkeiten müssen nicht gelobt werden." Einen, der in Neukölln von Türken freundlich begrüßt wird und von zwei Kopftuchfrauen um ein gemeinsames Foto gebeten wird.

Einen Sarrazin, der so sehr mit seinen früheren Liebschaften prahlt, dass die Filmemacherin ihm sagt, das Prahlen sei jetzt aber sehr "orientalisch". Woraufhin Sarrazin (womöglich geschmeichelt) lächelt. Und sie zeigen schließlich auch einen Vater Sarrazin, der es vermeidet, über seinen psychisch kranken Sohn zu reden, der von Hartz IV lebt, und einen Bürger Sarrazin, der von Furcht erfüllt sein muss, wenn er im eigenen Auto durch Deutschland fährt und sagt: "Deutschland ist ein Paradies auf Erden, von Menschen geschaffen. Es kann auch von Menschen zerstört werden."

Güner Balci nippt an ihrem Tee und sagt: "Es hat mich viel Kraft gekostet, Sarrazin über Monate hinweg zu begleiten. Es wäre sehr schade, wenn der Film nicht ausgestrahlt werden würde."