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Medien und Populismus:Medien sind für den AfD-Erfolg mitverantwortlich

Erste Fraktionssitzung der AfD-Bundestagsfraktion

Medien sollen auch eine komplexe, hässliche Realität abbilden - sonst feiern Alice Weidel und Alexander Gauland mit der AfD weitere Wahlerfolge.

(Foto: dpa)

Fernsehsender und Zeitungen hätte mehr Wirklichkeitssinn geholfen. Ein Pro zur Verantwortung der Medien für den Erfolg der AfD.

Kommentar von Tomas Avenarius

Der Wähler entscheidet. Durchschaubar also, wenn ein Wahlverlierer die Verantwortung für das 20-Prozent-Ergebnis seiner Volkspartei den Moderatoren eines Wahlduells anhängen will. Versagt haben andere. Wahlkampfreden, mit denen eine nach rechts abdriftende Wählerschaft abgefangen hätte werden können - weder Schulz noch Merkel oder Seehofer haben sie gehalten.

Ihren Job besser machen müssen aber auch Presse, Sender und die Redaktionen von Online-Medien. Sie tragen Mitverantwortung am AfD-Erfolg. Aufgabe der Medienmacher ist es nicht, ex cathedra die persönliche Gesinnung zu verkünden, in Kommentarspalten, Frühsendungen oder in der Illner, Will & Co. KG. Medien sollen informieren, Realität abbilden, verständlich machen. Auch eine komplexe, hässliche Realität. Zu Beginn der Flüchtlingskrise hat das gefehlt. Hier, und nicht erst vor der Wahl, wurden Weichen gestellt.

Unangenehmes, ja Verstörendes fand kaum Beachtung: Diejenigen unter den Migranten, deren Fluchtgrund nicht der Krieg, sondern die Wirtschaftslage war. Risiken bei der inneren Sicherheit, die schwierige Integration von Menschen aus anderen Kulturkreisen, mit anderem Glauben, einem anderen Bildungshintergrund: Das wurde schöngeredet. Mit Ängsten, ob rational oder irrational, blieben Zuschauer und Leser allein. Und das, obwohl Redakteure sonst selbst die absurdesten Ängste bedienen.

Bei Teilen der Medien herrscht, wie in der Politik, große Konformität des Denkens. Es ist ein modernes, zeitgeistiges Denken. Es richtet sich an ein städtisches, aufgeklärtes, eher gebildetes und wohlhabendes Publikum. In diesem selbstreferenziellen Milieu sind viele Medienmacher zu Hause. Diejenigen, die nicht zu den Privilegierten zählen, interessieren sie weniger. Nicht einmal mehr auf den Boulevard ist Verlass, wenn Menschen die Politik nicht zum Lebensinhalt machen, aber sich mit ihren Wünschen, Hoffnungen und Ängsten ernst genommen fühlen wollen. Die AfD hat das verstanden.

Statt die lieb gewonnene Erzählung von der "Willkommenskultur" zu überstrapazieren, hätte Wirklichkeitssinn geholfen: Die schöne Erzählung hat nicht getragen. Jetzt ist die Frage, wie sie weitergeht, darauf sollten die Medien sich in Zukunft konzentrieren. Sonst tragen sie Mitverantwortung für weitere Wahlerfolge von Jägermeister Gauland und seiner Haselnuss-Fraktion.

© SZ vom 02.10.2017
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