Dokuserie "The Me You Can't See":Trauerarbeit mit Oprah und Harry

Oprah Winfrey und Prinz Harry machen gemeinsame Doku-Serie

Es geht um "Mental Health" und damit um Themen, die Oprah Winfrey und Prinz Harry in der Vergangenheit bereits angeschnitten haben.

(Foto: Uncredited/dpa)

In der grandiosen Dokuserie "Das Ich, das du nicht siehst" von Prinz Harry und Oprah Winfrey zeigen Promis sich verwundbar - darunter Lady Gaga, DeMar DeRozan und die Gastgeber selbst.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Und dann darf man beobachten, wie Prinz Harry versucht, ein Trauma aus seiner Kindheit zu verarbeiten. Er hat die Augen geschlossen und die Arme vor der Brust gefaltet; er rutscht hin und her und spricht darüber, wie schlimm es für ihn lange Zeit gewesen sei, per Flugzeug nach London zurückzukehren. Eine Therapeutin begleitet ihn per Videochat auf der Suche nach dem Grund für diese Angst, es ist ein kraftvoller, knallharter Moment, weil der Typ auf der Couch gerade kein stinkreicher Adliger ist, sondern ein normaler Mensch auf der Suche nach dieser Landmine im Unterbewusstsein, die beim Landeanflug jedes Mal getriggert wurde.

Diesen erstaunlichen Einblick gewährt die Dokuserie The Me You Can't See, die Harry mit der Moderatorin Oprah Winfrey produziert hat und die von Freitag an auf dem Streamingportal von Apple zu sehen ist. Allerdings findet sich dieser besondere Moment erst in der dritten Folge, wobei gleich nach Harry ein syrischer Junge zu sehen ist, dessen Trauma sowie die Bewältigung nur jene nicht berühren, die im Gefühlssternzeichen Holzklotz geboren sind. Es ist also ratsam, bis zu dieser Folge dabeizubleiben; davor ist Das Ich, das du nicht siehst eine spannende, wichtige Doku - dann wird es eine, die auch berührt.

Das Thema geistige Gesundheit ist spätestens durch Corona in der Gesellschaft angekommen

Es geht um psychische Probleme und geistige Gesundheit. Winfrey und Harry hatten, zusammen mit Harrys Ehefrau Meghan, im März Aufregung verursacht: Das Paar sprach im Interview damals schon über Gefühle und Suizidgedanken. Die Doku ist, wenn man so möchte, eine Fortführung des Kerngedankens des Gesprächs, auch wenn die Produktion bereits 2019 begann. Winfrey und Harry bilden den Rahmen, sie reden grundsätzlich über das Thema "Mental Health", das während der Pandemie vollends in der Gesellschaft angekommen ist. Sie sprechen auch über eigene Probleme; Harry also über den Tod seiner Mutter, die mediale Ausschlachtung der Königsfamilie, die Dauerbelagerung durch Fotografen. Winfrey berichtet davon, wie sie als Kind vergewaltigt wurde.

In diese Gespräche sind Mini-Dokus über Leute eingewebt, die mit psychischen Problemen zu kämpfen haben, meist sind es Prominente. Lady Gaga spricht über Depressionen und darüber, wie sie an der misogynen und sexistischen Musikbranche beinahe zerbrochen wäre. Basketball-Profi DeMar DeRozan beschreibt, wie man sich auch als gefeierter Star so fühlen kann, als kämpfe man im Ozean mit 50-Kilo-Gewichten an den Beinen gegen das Ertrinken. Die Boxerin Virginia Fuchs erzählt, dass sie mehr als 1200 Dollar pro Monat für Putzmittel ausgibt, wegen ihrer Zwangsstörungen. Winfrey und Harry sind darin nur selten zu sehen, es sind eigene Geschichten, eingeflochten von den Regisseuren Dawn Porter und Asif Kapadia.

Serie: The Me you can't see

In den Gesprächen geht es um unterschiedliche psychische Probleme - zunächst sprechen vor allem Promis.

(Foto: Apple TV)

All diese Gesprächspartnerinnen und -partner zeigen sich verwundbar und tragen damit dazu bei, dass das Thema geistige Gesundheit offen besprochen und hoffentlich auch entstigmatisiert wird. The Me You Can't See ist allein deshalb grandios, weil die Serie deutlich macht: Es ist völlig egal, ob jemand bejubelt wird und reich ist; selbst wenn 100 Dinge richtig laufen im Leben, reicht ein Tritt auf die innere Landmine, dass alles explodiert. Beim Zuschauen dürfte dennoch die Frage aufkommen: Und was bitteschön hat das mit mir zu tun?

"Verfolgt, hilflos, hoffnungslos"

Das Leben von Promis unterscheidet sich, positiv wie negativ, gravierend von dem Normalsterblicher. Wer kann schon behaupten, seit Geburt von Paparazzi verfolgt zu werden? Wer kennt den Druck, der auf Popstars und Profisportlern lastet? Aber eben auch: Wer kann sich Auszeiten leisten und Dutzende Helfer und Therapeuten beschäftigen? Gut also, dass zum Beispiel Lady Gaga sagt: "Ich weiß, dass ich privilegiert bin, dass ich Geld und Einfluss habe. Ich erzähle meine Geschichte nicht wegen mir, und es muss sich niemand Sorgen machen. Es geht mir gut! Ich will, dass bei den Leuten eine Botschaft ankommt."

Die kommt an - vor allem wegen Prinz Harry und dem Moment der Therapie, der offensichtlich für die Kameras nachgestellt wurde, was ihm aber nichts von seiner Kraft nimmt. Harrys Trauma ist soweit bekannt: Seine Mutter Diana ist, Harry war zwölf Jahre alt, bei einem Autounfall ums Leben gekommen, verfolgt von Paparazzi. Kurze Zeit später sei er für zwei Wochen nach Afrika gereist, und er habe sich dort befreit gefühlt wie noch nie zuvor. Bei der Rückkehr nach London habe er Angst vor dem gehabt, was von ihm dort erwartet wurde - die Gefühle seitdem beim Landeanflug: "Verfolgt, hilflos, hoffnungslos; ohne Chance, dem zu entkommen". Der Trigger ist also nicht die Erinnerung an den Tod der Mutter, sondern das Gefühl bei der Rückkehr - und man merkt als Zuschauer, dass es bei einem selbst möglicherweise auch solche Trigger geben könnte.

Man verrät nicht zu viel, wenn man sagt, dass es Harry gelingt, diese Mine in seinem Inneren zu beseitigen. Und dass sie die Entscheidung beeinflusst haben dürfte, mit seiner Frau Meghan nach Los Angeles zu ziehen. Harry ist ein Promi, klar, doch berührt es, ihn so verwundbar zu erleben; zumal gleich danach dieser syrische Junge zu sehen ist, dessen Erfahrungen unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Serie scheint darauf abzuzielen, dass die Leute merken: Zwischen diesen beiden Extremen, da ist man selbst, und niemand sollte sich scheuen, mal nach ein paar Minen zu forschen und offen darüber zu reden.

Das Ich, das du nicht siehst. Auf Apple TV+.

© SZ/ebri
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