Presseschau zu Martin Schulz "Ein Drama ersten Ranges"

Wer hat hier wen gestürzt? Martin Schulz (links) im Gespräch mit Sigmar Gabriel und Andrea Nahles

(Foto: Ralf Hirschberger/dpa)

Wer ist für das Chaos in der SPD verantwortlich - Martin Schulz, Sigmar Gabriel oder Andrea Nahles? Darüber streiten deutsche Medien - und machen sich Sorgen um die Zukunft des Landes.

"Spiegel Online" lobt Martin Schulz für seine Entscheidung, sich zurückzuziehen:

"Martin Schulz, der glücklose Noch-SPD-Chef wäre für das Außenamt sicherlich auch geeignet gewesen. Aus vielerlei Gründen ist sein Rückzug trotzdem richtig. Es war einfach niemandem vermittelbar, warum jemand, der erst beteuert, nicht in ein Kabinett unter Merkel einzutreten, dann doch nichts Besseres zu tun hat, als bei erstbester Gelegenheit nach dem schönen Amt des Außenministers zu greifen. Das hat wohl nach zwei Tagen des Aufruhrs an der Basis der SPD auch Schulz erkannt, seine Personalie wäre zur zusätzlichen Belastung für den Mitgliederentscheid geworden. Mit seinem Rückzug hat er der SPD einen letzten Dienst erwiesen. Es ist besser so."

Auch die "Stuttgarter Zeitung" begrüßt Schulz' Rücktritt, hält ihn allerdings für verspätet:

"Späte Einsicht ist allemal besser als keine - im Falle Schulz kommt sie allerdings zu spät, um einen Rest an politischem Respekt zu wahren. Der vermeintliche Heilsbringer und gewesene "Gottkanzler" hat sich binnen weniger Monate selbst demontiert. Das begann mit seinen fatalen Fehlern im Wahlkampf, der völlig unpolitischen Hysterie, mit der er die SPD am Wahlabend auf eine Oppositionsrolle festlegen wollte. Das Drama gipfelte in regelrechter Realitätsblindheit, worauf sein postenversessenes Anspruchsdenken schließen lässt."

Politik SPD "Und dann gehst du, Kevin, in Rente"
SPD

"Und dann gehst du, Kevin, in Rente"

Juso-Chef Kevin Kühnert wirbt in Leipzig erneut für seine Kampagne zur Ablehnung der Groko und erhält viel Zuspruch. Es melden sich aber auch Genossen zu Wort, die an den Sturz Helmut Schmidts erinnern.   Von Antonie Rietzschel

Für die "Berliner Zeitung" ist die politische Karriere von Martin Schulz in Deutschland beendet:

"Aus dem Weg räumen konnte Sigmar Gabriel Martin Schulz. Ob das bedeutet, dass Gabriel Außenminister bleibt, werden wir in den nächsten Stunden, Tagen erfahren. Die designierte Parteichefin ist Andrea Nahles. Davon wird man sie auch nicht mehr wegkriegen. Schulz wird in der Versenkung verschwinden. Nicht einmal die Friedrich-Ebert-Stiftung wird ihm noch zur Verfügung stehen."

Das "Handelsblatt" sieht einen Fehler darin, dass die SPD Schulz nicht schon früher zum Rücktritt gezwungen hat:

"Die neue SPD-Spitze um Andrea Nahles und Olaf Scholz muss sich vorwerfen lassen, das Treiben nicht früher beendet zu haben. Am Ende geht für die SPD zwar wohl erstmal alles gut aus. Mit Nahles und Scholz hat sie ihre neue Wunsch-Führung, und durch Schulz' Rückzug ist ein Ja im Mitgliederentscheid wahrscheinlich. Aber in der Öffentlichkeit wird das Bild vom Postengeschacher in der SPD vorerst haften bleiben, die Politikverdrossenheit droht weiter zuzunehmen. Nahles und Scholz hätten das verhindern können - wenn sie nur früher skrupellos gewesen wären."

"Zeit Online" interpretiert Schulz' Rücktritt als symptomatisch für den Zustand seiner Partei, die tief verunsichert sei:

"Und so rückt die SPD immer dichter an den Abgrund. Denn mit dem Putsch im engsten Führungskreis zerbröselt vielleicht das wichtigste Argument, mit dem die Groko-Befürworter die mürrische Parteibasis überzeugen wollten: die Stabilität. Ein Nein zur großen Koalition bedeute, so hieß es, Neuwahlen, Führungswechsel, kurz: Chaos. Nun hat die Parteiführung das Chaos, das sie verhindern wollte, selbst besorgt. Und so ist sich derzeit niemand mehr sicher, wie die Mitglieder der Partei entscheiden, wenn sie in einigen Wochen mit dem Koalitionsvertrag auch über den politischen Stil ihrer Führung abstimmen."