"Polizeiruf 110" in Brandenburg Nichts geblickt

Das neue Team Lenski (Maria Simon) und Raczek (Lucas Gregorowicz).

(Foto: rbb/Conny Klein)

Der erste "Polizeiruf" des RBB ohne Polizeihauptmeister Horst Krause: ein Krimi, der sich für klüger hält, als er ist.

TV-Kritik von David Denk

Krause ist weg. Und irgendwie doch noch da. Wie ein gerade Verstorbener geistert der gemütliche Polizeihauptmeister Horst Krause, verkörpert vom Schauspieler Horst Krause, durch den ersten RBB-Polizeiruf 110 ohne ihn. "Ach nee", sagt Olga Lenski (Maria Simon), als ihr ein Motorrad mit Beiwagen entgegenkommt, wie Krause es fuhr. "Ach nee" ist auch ein gutes Stichwort für "Grenzgänger", den ersten Fall in Lenskis neuem deutsch-polnischen Ermittlerjob in Frankfurt (Oder) mit neuem Partner Adam Raczek (Lucas Gregorowicz). Der fährt übrigens auch Motorrad (wenn auch viel sportlicher als Krause) und ist auch sonst ganz anders sein Vorgänger: jung, ironisch, smart.

Überdeutlich merkt man dem Film das Bemühen an, sich des gemächlich-schrulligen Grundtons des alten RBB-Polizeirufs zu entledigen. Der war zwar dezidiert unmodisch, wie die Hosenträger von Krause, aber meist solide und immer mal für einen Positiv-Ausreißer gut wie "Die Gurkenkönigin" mit Susanne Lothar.

Pseudoexistenzialistischer David-Cronenberg-Abklatsch

Auch "Grenzgänger" hat hervorragende Darsteller wie Manfred Zapatka, Christoph Luser, Danuta Stenka und Tamer Yigit, die aber auch nicht verhindern konnten, dass ein bemühter, pseudoexistenzialistischer David-Cronenberg-Abklatsch dabei herausgekommen ist, in dem Blut auf Kacheln spritzt, ein Mann in seiner Gefängniszelle ein tschetschenisches Lied singt und jeder mal bedeutungsschwanger ins Nichts gucken darf.

Derlei Gehabe manifestiert den Eindruck, dass der Film sich für klüger hält, als er tatsächlich ist. Das Buch jedenfalls hat vor einer faden Auflösung einen so unwahrscheinlichen wie überflüssigen Zufall zu bieten. Also: Ausgerechnet der tschetschenische Dolmetscher, der das Verhör mit dem Verdächtigen übersetzt, der einen polnischen Studenten totgeschlagen haben soll, entpuppt sich als Veranstalter von illegalen Bare-Knuckle-Boxkämpfen, für die er Landsleute nach Deutschland holt: "Für diese Menschen ist alles besser als die Hölle von Grosny."

Ermordet hat den Studenten freilich weder der eine noch der andere, aber ein Fernsehkrimi mit Thema - sei es auch noch so an den Haaren herbeigezogen - ist in der ARD-Logik besser als einer ohne. Und so muss Olga Lenski sich in gleich zwei neuen Kulturen zurechtfinden. Für Krause wäre das alles nichts. Und auch Lenski kann man nur wünschen, dass dieses grotesk Überambitionierte ein einmaliger Ausrutscher bleibt.

Polizeiruf 110, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.