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"Polizeiruf" aus Magdeburg:Da hilft nur noch der Psychologe

Polizeiruf 110: Starke Schultern; Polizeiruf Magdeburg Starke Schultern

Die Kommissare Köhler (Matthias Matschke) und Brasch (Claudia Michelsen) im Magdeburger Polizeiruf "Starke Schultern".

(Foto: MDR/filmpool fiction/Conny Klein)

Der Kriminalfall im Magdeburger "Polizeiruf" ist so öde wie krude. Dafür wird eine neue Figur eingeführt, über die sich Publikum und Ermittler-Team gleichermaßen freuen können.

Die Erkenntnis:

"Wir müssen lernen zu kommunizieren", sagt Kriminalrat Uwe Lemp an einer Stelle von "Starke Schultern", um zu begründen, warum er seinem Team eine Supervision verordnet hat. Für das Leben im Allgemeinen mag das stimmen, für Krimis eher nicht. Erst vor zwei Wochen fanden sich die Ermittler des Ludwigshafener Tatorts zum Teambuilding-Seminar ein. Man könnte sich nun über die thematische Wiederholung ereifern, aber das wäre doch recht scheinheilig. Denn: Wer möchte, wenn er ehrlich ist, gut gelaunten, harmoniesüchtigen Kommissaren bei der Arbeit zuschauen? An ihnen ließe sich wenig erzählen. In der Fiktion, das zeigt dieser Magdeburger Polizeiruf, sind gepeinigte Persönlichkeiten allemal zu bevorzugen.

Darum geht es:

Das Haus des Bauunternehmers René Ottmann wird angezündet, nur mit Glück kann er sich retten. Trotzdem ist er wenig kooperativ, den Täter zu finden. Dabei hat er genug Feinde, vor denen er sich fürchten könnte - von rachsüchtigen Konkurrenten bis hin zu gekündigten Mitarbeitern. Auch die meisten seiner Familienmitglieder scheinen keine großen Sympathien für ihn zu hegen. Es gäbe also genug Ermittlungsarbeit für die Magdeburger Kommissare Dirk Köhler und Doreen Brasch, wären die nicht so mit sich selbst beschäftigt.

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Bezeichnender Dialog:

Der Psycholog Niklas Wilke soll im Auftrag von Kriminalrat Lemp das Ermittler-Team bei der Arbeit beobachten. Kommissarin Brasch ist davon wenig begeistert.

Brasch: Ich brauche keine psychologische Betreuung, Herr Lemp, weder von Ihnen noch von irgendwem anders.

Wilke: Es geht nicht um Betreuung.

Brasch: Sondern?

Lemp: Nach meiner Erfahrung gewinnen alle, wenn wir lernen, unsere eigenen Defizite zur Kenntnis zu nehmen.

Brasch: Eigene Defizite! Meinen Sie meine Leichen im Keller? Mit deren Verwesungsgestank ich jeden Morgen aufwache, egal wie viel Wodka ich mir abends ins Gesicht schütte? Oder meinen Sie Kollege Köhlers Besessenheit von Routine, die es ihm ermöglicht, jeden Tag auf Autopilot zu schalten?

Wilke: Sie schütten sich Wodka ins Gesicht?

Brasch: Ja, mach' ich.

Top:

Dieser Polizeiruf lebt von den dysfunktionalen Beziehungen zwischen seinen Protagonisten. Auf der einen Seite ist da der verdruckste Kommissar Köhler, der seine Aggressionen in sich aufstaut, auf der anderen seine verbitterte Kollegin Brasch, die sich wenig um die Gefühle ihrer Mitmenschen schert. Dazwischen steht Kriminalrat Lemp, der sich mehr als alles andere wünscht, dass sich seine Mitarbeiter verstehen.

Dass das - zumindest stellenweise - funktioniert, liegt an der Figur des Psychologen Niklas Wilke, der angeheuert wurde, um die Kommunikation im Magdeburger Team zu verbessern. Steven Scharf spielt diesen Wilke wunderschön minimalistisch. Im Grunde tut er nicht viel mehr als seine Gesprächspartner so lange gleichermaßen wohlwollend wie interessiert anzuschauen, bis sie sich ihm öffnen. Die Zuschauer nehmen in diesen Szenen die Beobachterposition des Psychologen: Als Kriminalrat Lemp etwa beim Einzelgespräch mit Wilke die Luft zu stickig wird, fragt er diesen: "Würde es Ihnen etwas ausmachen, das Fenster zu öffnen?" Köhler stellt in der gleichen Situation lediglich resignierend fest: "Oh ist das heiß hier, ist ja wie in der Sauna". Und Kommissarin Brasch lässt ihr Gespräch ganz einfach ausfallen. In solchen Momenten, in denen der Polizeiruf die unterschiedlichen Verhaltensmuster seiner Protagonisten im Kleinen herausarbeitet, ist er durchaus sehenswert.

Flop:

Das Hauptproblem an diesem Polizeiruf ist sein Kriminalfall, allerdings wird einem das erst nach und nach klar. Zu Beginn freut man sich noch, dass die Handlung zur Abwechslung mal keinen Hang zum Spektakulären aufweist: Es gibt eine Tat ohne Tote, es gibt mehrere Verdächtige und einige falsche Spuren. Könnte ein ausgeruhter Krimi werden, denkt man. Doch vom Ausgeruhtsein ist es nicht weit bis zum Tiefschlaf. Lange Zeit passiert nichts und wenn schließlich etwas passiert, ist es so gewollt wie krude: Ein trauernder, gestörter Witwer, der seine Schwägerin zwingt, ihre tote Schwester zu spielen und mit ihm ins Bett zu steigen? Vielleicht hätte man aus dieser Fetisch-Geschichte sogar noch etwas herausholen können, wenn nicht das Innenleben der Kommissare derart viel Raum einnehmen würde. So aber entfaltet das Ganze lediglich eine oberflächliche Abstrusität. Gewagte Prognose: Man wird die Geschichte dieses Polizeirufs vergessen haben, noch bevor Anne Will "Guten Abend meine Damen und Herren, herzliche Willkommen" sagen kann.

Die Pointe:

Als der Fall endlich in einem doch sehr hölzernen Showdown abgewickelt worden ist, hat Kriminalrat Uwe Lemp noch etwas zu verkünden: Psychologe Wilke ​soll das Team auch weiterhin beratend unterstützen. Das Publikum kann sich über diese gut angelegte Figur nur freuen und Kommissarin Brasch wird es wohl auch tun, schließlich ist sie ihrem anfänglichen Erzfeind im Laufe der Handlung noch recht nah gekommen. "Ist zwar ein lausiger Psychologe, aber von mir aus", kommentiert sie die Neuigkeit. Für Brasch kommt so ein Ausspruch schon nah an eine Liebeserklärung.

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