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Polizisten in Social Media:#Instacops

  • Wie in anderen Branchen auch treten bei der Polizei immer mehr Mitarbeiter als Influencer auf - mit Zehntausenden Followern.
  • Bei der Berliner Polizei denkt man intensiv darüber nach, ob es widerstreitende Interessen gibt, wenn Polizisten in Uniform auf Instagram posieren - und ob das in manchen Einsatzsituationen nicht heikel sein könnte.

Von Elisa Britzelmeier

Den Kopf leicht schräg, den Rücken durchgestreckt, das Handy auf Brusthöhe: Mehtap Öger weiß, wie ein Spiegel-Selfie auszusehen hat. Es ist die typische Pose auf Selbstbildnissen bei Instagram, millionenfach gepostet in dem sozialen Netzwerk. Nur dass Mehtap Öger, 29 000 Abonnenten, auf manchen Bildern Kleider, enge Hosen und hohe Schuhe trägt - und auf manchen Uniform. Sie arbeitet bei der Polizei in Berlin, und das zeigt sie auch auf ihrem Account. #shecandoboth, heißt es in ihrer Selbstbeschreibung, sie kann beides, und gemeint ist wohl: öffentlich sexy auftreten und Polizistin sein. Kann sie?

Bei der Berliner Polizei denkt man derzeit intensiv darüber nach, Polizeipräsidentin Barbara Slowik hat die Interne Revision mit einer Sonderprüfung beauftragt. Online-Profile der Polizistinnen und Polizisten sollen in Bezug auf Tätigkeiten als "Social Media Influencer" analysiert werden, wie das Präsidium auf Anfrage bestätigt. Dabei geht es weniger um die Frage, wie gut die Beamten auf Instagram aussehen, sondern vor allem um die Einhaltung dienstrechtlicher Pflichten.

Wann entstehen die Posts? Gibt es widerstreitende Interessen, wenn Polizisten auch Influencer sind? Werden sie korrumpierbar? Machen sie unzulässige Werbung? Haben sie Nebenverdienste? Die jeweiligen Dienststellen sollen auffällige Aktivitäten der eigenen Mitarbeiter melden, schreibt das Präsidium.

Die Frage, wie sich Mitarbeiter im Netz präsentieren sollen, stellt sich derzeit in vielen Branchen

Der Hashtag #instacops wird international verwendet, und Mehtap Öger ist längst nicht die einzige Berliner Polizistin bei Instagram. Ihre Kolleginnen und Kollegen zeigen sich im Urlaub, beim Sport, Klavierspielen oder Essen, dazwischen immer wieder im Streifenwagen und mit Sicherheitsweste, einige Accounts haben Zehntausende Follower. Adrienne Koleszár aus Sachsen, 647 000 Abonnenten, ließ sich für ein halbes Jahr vom Polizeidienst beurlauben, um als Influencerin durch die Welt zu reisen. Und auch andere Uniformträger zeigen sich mehr und mehr online. Unter den Hashtags #socialmediadivision und #wirdienendeutschland präsentieren sich Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.

Die Frage, was in sozialen Netzwerken geht und was nicht, beschäftigt natürlich auch andere Berufsgruppen. Wie privat ist ein privater Account, wenn gleichzeitig der Beruf angegeben wird? Manche, Lehrer etwa, für die es je nach Bundesland Vorgaben gibt, ziehen sich ganz zurück oder wählen Pseudonyme, um nicht auffindbar zu sein. Wenn Journalisten bei Twitter sind, dann immer irgendwie auch in ihrer Rolle als Journalisten, meist werden sie mit dem Medium in Verbindung gebracht, für das sie arbeiten. In Fällen wie diesen spielt es kaum eine Rolle, wenn im Twitter-Profil "privat hier" steht.

Für Polizisten gelten eigene Maßstäbe. Läuft eine Polizistin in Uniform durch die Stadt, muss sie damit rechnen, angesprochen zu werden. Und im Internet? "Wegen des Beamtenstatus gilt für uns auch im realen Leben eine ganz andere Verpflichtung", sagt Jörg Radek von der Gewerkschaft der Polizei. Bei Meinungsäußerungen etwa ist auf Mäßigung zu achten, egal ob online oder offline.

Im Fall von Mehtap Öger kommt hinzu, dass sie Gesicht einer Werbekampagne der Bild-Zeitung wurde - was nicht alle bei der Polizei gut fanden. Davor hatte Öger mit verschiedenen Medien darüber gesprochen, wie sie das Polizistenleben mit dem eines Instagram-Stars zusammenbringt. Inzwischen äußert sie sich nicht mehr auf Anfragen und verweist per Instagram-Nachricht auf die Pressestelle. Auch die Berliner Beamtin, die unter "Tagebuch einer Polizistin" bloggt und auf Bildern nur von hinten oder mit verdecktem Gesicht zu sehen ist, kann ohne Genehmigung der Polizei nicht über das Thema sprechen.

Die Richtlinien für Polizisten gelten bundesweit und auch schon vor der Berliner Sonderprüfung. Der wichtigste Punkt: Sie dürfen keine Geheimnisse verraten, keine taktischen Überlegungen. Weswegen die meisten Polizisten-Profile online auch keine Einsätze zeigen. Mehtap Öger sagte in einem Interview, dass sie bewusst keine Geotags setze und nichts vom Revier zeige. Was deutsche Polizisten auf Social Media preisgeben, sieht ohnehin sehr oft nach Werbung für die Polizei aus und wird größtenteils wohlwollend kommentiert. In München, wo das Social-Media-Team der Polizei für seinen Twitter-Auftritt nach dem Morden am Olympia-Einkaufszentrum viel Lob bekam, schaut man gelassen auf das Thema. "Wir sehen das positiv, dass man sich zeigt als Polizist", sagt Florian Hirschauer. "Wir haben in unserem Bereich noch keine Profile gesehen, die problematisch wären." Dennoch sei man gerade dabei, die internen Richtlinien zu überarbeiten. Auch, um den Kolleginnen und Kollegen Sicherheit zu bieten, falls Fragen aufkommen. Auch Gewerkschafter Jörg Radek findet Polizisten auf Social Media grundsätzlich begrüßenswert, "so lange sie den Zielen der Polizei dienen und nicht gewerblichen". Denn die Polizei sei Teil der Gesellschaft - am besten auch online. Nebenbei helfe die Präsenz in sozialen Medien, den Nachwuchs anzusprechen.

In manchen privaten Unternehmen wird das Potenzial der eigenen Mitarbeiter längst genutzt, um sich nach außen positiv darzustellen. "Corporate Influencer" nennt sich das Konzept. Beim Onlinehändler Otto etwa werden Mitarbeiter gezielt weitergebildet, um ihren Arbeitgeber möglichst attraktiv zu präsentieren. Behörden sind da zurückhaltender.

Die Polizei Berlin schreibt, eine Außendarstellung über private Accounts der Beamten sei bisher nicht geplant. Zuständig soll auch nach der Sonderprüfung das Social Media Team der Polizei bleiben. In München ist es ähnlich. Bei der Bundespolizei kooperiert man zwar als Werbemaßnahme mit Influencern, die eigenen Mitarbeiter werden aber nicht darin gefördert.

Die Polizei Lüneburg versucht es einfach umgekehrt: Dort wird ein offizieller Instagram-Account von einer Polizistin betrieben - professionell im Influencer-Stil. Polizeikommissarin Isabella Harms präsentiert dort auch mal Katzen im Streifenwagen. Die größte Werbung dürfte die Polizei aber immer noch aus dem guten alten Fernsehen bekommen - wenn sie sonntags im Tatort mal wieder einen Fall löst.

© SZ vom 28.08.2019/qli
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